Sie sind häufig, und ihre Folgen reichen von der Prellung bis zum Verlust der Selbstständigkeit. Drei Wege wirken nachweislich: ein Trainingsprogramm für Gleichgewicht und Kraft, ein gründlicher Blick in die Wohnung und ein Gespräch über die Medikamente.
Von 100 Menschen über 65 Jahre, die zu Hause leben, stürzen 28 im Jahr, bei Menschen über 85 Jahre sind es 34 von 100. In Pflegeeinrichtungen stürzen 50 von 100 Bewohnerinnen und Bewohnern. Frauen stürzen etwas häufiger als Männer.
Das Wichtigste in Kürze
- Die meisten Stürze haben keine schweren Folgen. Training, ein Blick in die Wohnung und ein Gespräch über die Medikamente senken das Risiko.
- Bewegung wirkt am besten. Training senkt die Zahl der Stürze um 23 Prozent.
- Stolperfallen zu beseitigen ist laut IQWiG eine einfache und wirkungsvolle Maßnahme. Türschwellen, hochstehende Teppichkanten, lose Kabel und glatte Böden lassen sich beseitigen.
- Manche Arzneimittel beeinträchtigen Aufmerksamkeit und Reflexe. Ob Sie eines absetzen sollten, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt.
- Wer schon gestürzt ist, trägt ein höheres Risiko für den nächsten Sturz.
Warum Stürze im Alter so folgenreich sind
Weltweit sterben jedes Jahr rund 684 000 Menschen an einem Sturz. Damit sind Stürze nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Ursache für den Tod durch unbeabsichtigte Verletzungen. Mehr als 80 von 100 dieser Todesfälle ereignen sich in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Am häufigsten betroffen sind Erwachsene über 60 Jahre.
Hinzu kommen weltweit 37,3 Millionen Stürze pro Jahr, die so schwer sind, dass sie eine medizinische Versorgung erfordern. In den USA erleiden 20 bis 30 von 100 älteren Menschen, die stürzen, mittelschwere bis schwere Verletzungen wie Prellungen, Hüftbrüche oder Kopfverletzungen. Laut IQWiG hat ein Sturz meist nur eine Prellung oder Abschürfung zur Folge. Bei etwa 5 bis 10 von 100 Stürzen zu Hause kommt es jedoch zu Verletzungen wie Knochenbrüchen, größeren Platzwunden oder Kopfverletzungen. In Pflegeheimen ist der Anteil höher, dort passiert dies etwa 10 bis 30 von 100 Menschen, die stürzen.
Bei einem Knochenbruch sind meist die Unterarme betroffen. Brüche an der Hüfte oder am Oberschenkel können ernsthafte Einschränkungen zur Folge haben und führen oft zu einem längeren Klinikaufenthalt. Vor allem im höheren Alter erhöhen Stürze mit ernsthaften Folgen das Risiko, pflegebedürftig zu werden.
Wer nach einem Sturz genauer untersucht werden sollte
Nach einem Sturz steigt das Risiko für den nächsten Sturz. NICE empfiehlt eine umfassende Beurteilung, wenn Sie verletzt und medizinisch behandelt wurden, kurz bewusstlos waren, sich nicht selbst aufstehen konnten, 2 oder mehr Male im letzten Jahr gestürzt sind oder mit Gebrechlichkeit leben.
Was das Sturzrisiko erhöht
Stürze haben fast immer mehrere Gründe. Die Weltgesundheitsorganisation nennt für ältere Menschen unter anderem Nebenwirkungen von Medikamenten, Bewegungsmangel, nachlassendes Gleichgewicht, Seh- und Denkprobleme sowie Umgebungen, die auf ein Altern nicht ausgelegt sind.
Medikamente
Manche Arzneimittel beeinträchtigen Aufmerksamkeit und Reflexe und können dadurch Stürze auslösen, allein oder in Kombination mit anderen Mitteln. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) nennt Beruhigungs- und Schlafmittel, entwässernde und blutdrucksenkende Medikamente, Antiepileptika, Opioide sowie einige Diabetes-Medikamente. Alkohol kann das Risiko ebenfalls erhöhen.
Sehen, Füße und Erkrankungen
Das IQWiG führt eine ganze Reihe von Erkrankungen als Auslöser für Stürze auf:
- Muskelschwäche der Beine
- Empfindungsstörungen in den Füßen und Verlust der Tiefensensibilität, etwa bei einem diabetischen Fuß oder einer Nervenerkrankung
- Demenz, Gleichgewichtsprobleme, Schwindel, Blutarmut, zu niedriger Blutdruck
- Sehbeeinträchtigungen wie ein Grauer Star
- chronische Erkrankungen wie Arthrose, Osteoporose, Diabetes, Parkinson sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Beim Sehen lohnt sich der genaue Blick. Das IQWiG berichtet, dass sich in Studien die Behandlung einer Sehschwäche, ein Wechsel von einer Gleitsichtbrille auf eine normale Brille und eine Operation bei Grauem Star als hilfreich erwiesen haben. NICE verweist bei Grauem Star an eine Augenärztin oder einen Augenarzt. Für die Füße nennt das IQWiG eine Behandlung von Fußproblemen sowie Antirutschsohlen oder Schuheinlagen.
Wohnung und Schuhe
Stürze entstehen oft durch Hindernisse und Stolperfallen in der eigenen Wohnung oder im Treppenhaus, Garten oder Hauseingang. Dazu gehören Türschwellen, Stufen, hochstehende Teppichkanten und lose auf dem Boden liegende Kabel. Auf glatten Böden, losen Teppichen, in der Dusche oder Badewanne rutscht man leicht aus. Locker sitzende Hausschuhe, Schuhe mit sehr glatter Sohle und das Laufen auf Socken erhöhen das Risiko ebenfalls.
Gleichgewichts- und Krafttraining
Für Bewegung ist die Wirkung gut belegt. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit hat 108 randomisierte Studien mit 23 407 Teilnehmenden aus 25 Ländern ausgewertet. Im Durchschnitt waren die Teilnehmenden 76 Jahre alt, 77 von 100 waren Frauen. Training senkte die Zahl der Stürze über die Zeit um 23 Prozent. Wenn 1000 Menschen ein Jahr lang beobachtet werden und es 850 Stürze gibt, wären es durch Training 195 Stürze weniger. Auch die Zahl der Menschen mit mindestens einem Sturz sank um 15 Prozent. Bei 480 Betroffenen auf 1000 Menschen wären das 72 Menschen weniger.
Die Trainingsart entscheidet darüber, wie viel sie bringt:
- Gleichgewichts- und Funktionstraining senkt die Zahl der Stürze um 24 Prozent.
- Programme mit mehreren Trainingsarten, meist Gleichgewichtstraining plus Krafttraining, senken sie wahrscheinlich um 34 Prozent.
- Tai Chi senkt die Zahl der Stürze möglicherweise um 19 Prozent, die Zahl der Menschen mit einem Sturz um 20 Prozent.
- Die Zahl der Menschen mit einem Knochenbruch sinkt durch Training möglicherweise um 27 Prozent. Diese Belege sind dünn, weitere Studien wären nötig.
- Für reine Krafttrainingsprogramme, Tanzprogramme und Walkingkurse reicht die Datenlage nicht aus. Für reine Dehn- und Ausdauerprogramme fand die Übersichtsarbeit keine Studien.
Zu unerwünschten Wirkungen gab es wenige Daten. Wo sie berichtet wurden, waren sie meist nicht schwerwiegend und betrafen Muskeln und Gelenke.
Die World Guidelines for Falls Prevention and Management for Older Adults empfehlen, Gleichgewichts- und Funktionstraining wie Aufstehen vom Stuhl und Steppen mindestens dreimal pro Woche anzubieten, individuell angepasst und mit zunehmender Intensität über mindestens 12 Wochen. Länger durchgeführte Programme wirken stärker. Wenn möglich sollen Tai Chi und zusätzliches, individuell angepasstes Krafttraining dazukommen. NICE ergänzt, dass ein solches Programm von geschulten Fachkräften angeleitet und an die Fähigkeiten der Person angepasst sein sollte.
Das IQWiG zählt zu den untersuchten Trainingsprogrammen Gang- und Gleichgewichtstraining, Krafttraining, Tanzen oder Tai Chi sowie Aerobic. Wählen Sie für den Einstieg eine Bewegungsart, die zu Ihren körperlichen Fähigkeiten passt.
Die Wohnung sicherer machen
Stolperfallen in der eigenen Wohnung zu beseitigen ist laut IQWiG eine einfache und wirkungsvolle Maßnahme. Sie können sie selbst auf Stolperfallen durchsehen und diese beseitigen lassen. NICE empfiehlt eine Wohnungsbeurteilung mit einem geprüften Verfahren, am besten durch eine Ergotherapeutin oder einen Ergotherapeut. Laut IQWiG können diese bei einem Hausbesuch beobachten, wo im Alltag Sturzgefahr besteht.
Diese Punkte nennt das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit in seiner Broschüre zur Sturzprävention:
- Sorgen Sie für eine gute Beleuchtung, auch im Treppenhaus.
- Lassen Sie für den Fall, dass Sie nachts aufstehen müssen, eine Nachtlampe an oder nutzen Sie eine Lampe mit Bewegungsmelder.
- Halten Sie den Boden frei von losen Teppichen. Befestigen Sie Teppiche mit Antirutschmatten oder einem Klebestreifen.
- Halten Sie Treppen und Stufen immer frei begehbar und befestigen Sie Handläufe an beiden Seiten der Treppe.
- Legen Sie eine Antirutschmatte in die Badewanne und bringen Sie Haltegriffe zum Festhalten beim Ein- und Aussteigen an.
- Achten Sie im Garten auf unebene und rutschige Stellen und halten Sie die Wege frei.
- Steigen Sie nicht auf Stühle. Benutzen Sie geprüfte Trittleitern.
- Vermeiden Sie Überkopfarbeiten wie Fensterputzen, vor allem wenn Ihnen dabei schwindelig wird.
Bei Bedarf helfen Hilfsmittel, zum Beispiel ein Rollator, ein Duschsessel, ein Badewannenlifter oder eine Greifzange für Gegenstände vom Boden. Für Schuhe empfiehlt das Bundesinstitut bequeme, gut sitzende geschlossene Schuhe mit niedrigem Absatz und rutschfester Sohle. Hosen, Röcke und Kleider sollten nicht auf dem Boden schleifen.
Nach einem Sturz
Bleiben Sie zuerst ruhig und rufen Sie Hilfe. Ohne Hausnotruf und Mobiltelefon in Reichweite machen Sie anders auf sich aufmerksam: Klopfen Sie auf den Boden, an die Wand, an Türen oder an Heizungskörper oder rufen Sie laut Hilfe.
Haben Sie keine oder nur leichte Schmerzen, versuchen Sie aufzustehen. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit beschreibt dafür diesen Ablauf:
- Kommen Sie in den Vierfüßlerstand und kriechen Sie auf Händen und Knien zu einem stabilen Möbelstück, zum Beispiel zu einem Stuhl oder Ihrem Bett.
- Stützen Sie sich auf den Stuhl oder das Bett. Stellen Sie ein Bein auf, indem Sie das Knie gebeugt halten und den Fuß flach auf den Boden stellen. Lehnen Sie sich nach vorne und drücken Sie sich mit Hand und Fuß nach oben. Stellen Sie Ihren anderen Fuß ebenfalls auf.
- Drehen Sie sich um und setzen Sie sich auf das Möbelstück oder Ihr Bett.
- Ruhen Sie sich eine Weile aus, bevor Sie ganz aufstehen.
Sind Sie verletzt oder können Sie nicht aufstehen, machen Sie auf sich aufmerksam, erreichen Sie das Telefon, wählen Sie die 112 oder nutzen Sie den Hausnotruf. Halten Sie sich warm mit einer Decke, einem Handtuch, einem Kissen oder einem wärmenden Kleidungsstück und spannen Sie nach Möglichkeit Ihre Arm- und Beinmuskeln abwechselnd an.
Ein Hausnotrufsystem besteht meist aus einem Armband mit Sendefunktion. Sie erreichen damit rund um die Uhr eine Leitstelle, die geeignete Hilfspersonen in der Nähe kontaktiert: Angehörige, Nachbarinnen und Nachbarn, Sozialstationen oder den Rettungsdienst.
Üben Sie den Ablauf nach Möglichkeit unter Anleitung. Wer schon gestürzt ist, hat anschließend ein höheres Risiko, erneut zu stürzen.
Angst vor dem Sturz
Die Angst vor einem Sturz ist bei älteren Menschen häufig und schränkt oft ihre körperlichen und sozialen Aktivitäten ein. Das IQWiG weist darauf hin, dass wer sich aus Angst vor einem Sturz weniger bewegt, ein größeres Sturzrisiko hat als jemand, der täglich viel zu Fuß unterwegs ist.
Eine Cochrane-Übersichtsarbeit speziell zur Angst vor dem Sturz wertete 30 Studien mit 2878 Teilnehmenden aus, deren Durchschnittsalter zwischen 68 und 85 Jahren lag. Bewegung führte unmittelbar nach dem Programm zu einer kleinen bis mäßigen Verringerung dieser Angst, bei geringer Qualität der Belege. Ob der Effekt in den folgenden Monaten anhält, blieb unklar. Eine Verhaltenstherapie kann die Angst ebenfalls lindern. NICE empfiehlt kognitive Verhaltensinterventionen für Menschen, deren Sorgen vor dem Sturz durch Kraft- und Balanceübungen allein nicht besser werden.
Häufig gestellte Fragen
Ab welchem Alter lohnt sich die Vorbeugung?
Die NICE-Leitlinie bezieht ihre Empfehlungen auf alle Menschen ab 65 Jahre sowie auf Menschen von 50 bis 64 Jahren mit mindestens einem Risikofaktor. Training wirkte in der Cochrane-Übersichtsarbeit ähnlich, ob die Studien gezielt Menschen mit erhöhtem Sturzrisiko auswählten oder nicht.
Wann sollte ich mein Sturzrisiko ärztlich abklären lassen?
Nach einem Sturz empfiehlt NICE eine umfassende Beurteilung, wenn Sie verletzt und medizinisch behandelt wurden, kurz bewusstlos waren, sich nicht selbst aufstehen konnten, 2 oder mehr Male im letzten Jahr gestürzt sind oder mit Gebrechlichkeit leben. Werkzeuge, die das Sturzrisiko vorhersagen sollen, empfiehlt NICE nicht. Stattdessen sollen Fachleute zum Beispiel bei Routineterminen fragen, ob jemand im letzten Jahr gestürzt ist.
Hilft Vitamin D gegen Stürze?
Laut IQWiG deuten Studien darauf hin, dass ältere Menschen in Pflegeheimen und Krankenhäusern seltener stürzen, wenn sie Vitamin D einnehmen. Das gilt jedoch nur, wenn ihr Vitamin-D-Spiegel zu niedrig ist. Der Spiegel lässt sich mit einer Blutuntersuchung feststellen. Auch die Weltgesundheitsorganisation führt Vitamin D nur für Menschen mit einem Mangel als Maßnahme auf. NICE hält fest, dass die Belege nicht ausreichen, um Vitamin D gezielt gegen Stürze einzunehmen. Vitamin D und Kalzium können unerwünschte Wirkungen haben, vor allem die Bildung von Nierensteinen.
Soll ich meine Medikamente absetzen?
Das IQWiG rät ausdrücklich, Medikamente nicht ohne ärztliche Absprache abzusetzen. Sinnvoll ist ein regelmäßiges Gespräch darüber, welche Mittel noch nötig sind. Einen Medikamentenplan, also eine Liste aller eingenommenen Medikamente, können Sie zu jedem Termin mitbringen. NICE rät, eine strukturierte Überprüfung der Medikamente zu erwägen. Bei Mitteln, die auf Psyche, Stimmung oder Verhalten wirken, sieht die Leitlinie vor, das mit ihnen verbundene höhere Sturzrisiko ausdrücklich zu besprechen und, wo angebracht, ein Absetzen zu planen.
Was bringt am meisten?
Die Weltgesundheitsorganisation nennt für ältere Menschen Training von Gang und Gleichgewicht, Tai Chi, Wohnungsbeurteilung und Umbau, die Reduzierung oder das Absetzen von Psychotropika, mehrteilige Maßnahmen nach einer persönlichen Risikoanalyse und Vitamin D bei Mangel. Für das Training ist die Wirkung gut belegt: In der großen Cochrane-Auswertung sank die Zahl der Stürze um 23 Prozent. Stolperfallen in der Wohnung zu beseitigen ist laut IQWiG eine einfache und wirkungsvolle Maßnahme.
Wo finde ich ein gutes Trainingsangebot?
Fragen Sie in Ihrer Hausarztpraxis. Sie können sich dort zu einem Sturzpräventionsprogramm beraten lassen, ebenso in einer Praxis für Neurologie oder Ergotherapie. Programme, die Fachleute aus Bereichen wie Physiotherapie, Altenpflege und Geriatrie gemeinsam gestalten, erkennen individuelle Risiken besser und passen die Maßnahmen an die persönlichen Bedürfnisse an.
Quellen
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- National Institute for Health and Care Excellence. Falls: assessment and prevention in older people and in people 50 and over at higher risk. NICE guideline NG249, Recommendations. nice.org.uk/guidance/ng249/chapter/Recommendations
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