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Longevity

Was die Blue Zones wirklich zeigen

Die Blue Zones sind Gegenden, in denen ungewöhnlich viele Menschen sehr alt werden.

Longevity10 Min. Lesezeit

Vier Regionen werden so genannt: Okinawa, das Bergland im Osten Sardiniens, die griechische Insel Ikaria und die Halbinsel Nicoya in Costa Rica. Ihre Lebensweise gilt als Erklärung für ein langlebiges Leben. Ein Teil dieser Erklärung hält der Prüfung stand, ein anderer Teil ist Wunschdenken.

Genau hier liegt das Problem. Die Zahl der Hundertjährigen in diesen Regionen hängt an Geburtsurkunden, und Geburtsurkunden wurden nicht überall gleich gut geführt. Hinzu kommt ein zweiter Punkt: Beobachtungen aus einem Land sind noch kein Nachweis dafür, dass eine Gewohnheit ein langes Leben verursacht. Dieser Artikel trennt deshalb, was die Daten tragen, was die Kritik zu Recht trifft und was sich davon in den eigenen Alltag übernehmen lässt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Als Blue Zones gelten vier Regionen: Okinawa, Sardinien, Ikaria und Nicoya. Weitere Kandidaten sind nicht belastbar bestätigt.
  • Die Altersangaben dieser vier Regionen wurden gegen mehrere unabhängige Quellen geprüft. Das macht sie belastbarer, als die Kritik annimmt.
  • Ein Vorteil kann verschwinden. In Okinawa und Nicoya hat sich der Vorsprung abgeschwächt.
  • Gut belegt sind Bewegung im Alltag, viel Gemüse und Obst, soziale Bindung und Nichtrauchen. Diese vier Punkte gelten auch ohne Blue Zones.
  • Übernehmen Sie die Gewohnheiten. Eine Blue Zone verspricht niemandem hundert Jahre.

Was die Blue Zones sind

Den Begriff haben die Demografen Michel Poulain und Gianni Pes geprägt. Sie hatten auf Sardinien ermittelt, in welchen Dörfern auffällig viele Menschen hundert Jahre und älter wurden. Für ihre Karte markierten sie diese Dörfer mit einem blauen Stift, daher der Name. Die Fachwelt lernte den Begriff über eine Veröffentlichung in der Zeitschrift Experimental Gerontology kennen. Eine weltweite Bekanntheit erreichte er durch den US-Journalisten Dan Buettner, der im Auftrag des National Geographic über die Regionen der langlebigen Bevölkerung berichtete.

Eine Region gilt dann als Blue Zone, wenn drei Dinge zusammenpassen. Sie ist geografisch klar umgrenzt. Sie hat in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten eine auffällig hohe Zahl von Menschen im Alter von 90 Jahren und darüber hervorgebracht. Und es gibt Unterlagen, mit denen sich die Geburtsdaten dieser Menschen prüfen lassen. Entscheidend ist der Anteil der 90-Jährigen und Älteren an allen Geburten. Die Zahl der seltenen 110-Jährigen spielt keine Rolle.

Der breiteste Überblick ist eine Literaturrecherche, die 65 Publikationen zu zehn Regionen ausgewertet hat. Drei Regionen weisen danach eine höhere Lebenserwartung auf als der jeweilige Landesdurchschnitt, zwei weitere eine hohe Lebenserwartung. Bei einer blieb das Ergebnis unklar, bei einer fiel die Zahl der Hundertjährigen geringer aus als erwartet, und für eine Region fand die Recherche überhaupt keine Untersuchung.

Was dort gemeinsam auffällt

Die vier Regionen liegen weit auseinander und haben weder das gleiche Klima noch die gleiche Landschaft. Die Literaturrecherche nennt als Faktoren, die mit der Langlebigkeit zusammen auftreten, Ernährung, körperliche Bewegung, Klima, Erbanlagen und geografische Isolation. Ein Punkt kehrt in allen vier Fällen wieder: die relative Abgeschiedenheit. Drei Regionen sind Inseln, die vierte liegt auf einer Halbinsel, die früher schwer zugänglich war.

Was die Menschen dort selbst berichten

Am gründlichsten ist die Untersuchung von Ikaria. Dort nahmen 1.420 Erwachsene ab 30 Jahren freiwillig an einer Studie teil. 187 von ihnen waren älter als 80 Jahre, darunter 89 Männer und 98 Frauen. Die Mehrheit der über 80-Jährigen gab an, täglich körperlich aktiv zu sein, sich gesund zu ernähren, nicht zu rauchen, oft Kontakt zu anderen Menschen zu haben und am Mittag kurz zu schlafen. Depressionsraten kamen in dieser Gruppe kaum vor. Panagiotakos und seine Kollegen ordnen körperliche Aktivität, Ernährung, Nichtrauchen und Mittagsschlaf zu den veränderbaren Risikofaktoren, die diese Muster erklären könnten.

Erbanlagen als Erklärung

Die naheliegende Hoffnung, eine seltene Genvariante gefunden zu haben, hat sich nicht bestätigt. Mehrere Untersuchungen konnten in diesen Bevölkerungen keine Häufung von Genvarianten nachweisen, die auch anderswo mit hoher Lebensdauer in Verbindung gebracht werden. Damit bleibt ein möglicher genetischer Anteil offen. Die Forscher halten es deshalb für wahrscheinlicher, dass Lebensweise, Ernährung, Bewegung und das soziale Umfeld den größeren Teil erklären.

Kritik an den Daten

Die Kritik ist alt. Schon vor anderthalb Jahrhunderten wurden Berichte über ungewöhnlich hohe Alter mit Skepsis aufgenommen. In der Mitte des 20. Jahrhunderts berichtete eine bekannte Zeitschrift über ein Dorf im heutigen Aserbaidschan, dessen Bewohner sich selbst für weit über 100 Jahre alt hielten. Spätere Demografen fanden, dass selbst amtliche Register Fehler enthielten und das erreichte Alter eher zu hoch als zu niedrig angaben. Mit besserer Dokumentation und genauerer Registerführung sank die Zahl der amtlich erfassten Hundertjährigen Land für Land, während die Lebenserwartung stieg. Die meisten Angaben zu außergewöhnlich hohem Alter erweisen sich als falsch.

Heute wird so geprüft: Altersangaben werden in vier Stufen bewertet: Todesdatum ohne Prüfung, Geburtsregistrierung, zusätzlich die Lebensgeschichte und auf oberster Stufe zusätzlich die vollständig rekonstruierte Familie. In Sardinien wird die oberste Stufe erreicht. Verwendet werden Standesregister, Kirchenbücher und eine lückenlose Familienrekonstruktion. In Ikaria, wo viele Menschen keine Geburtsurkunde besitzen, weist man die Altersangaben anhand von Sterberegistern, Gemeindeunterlagen und ausführlichen Interviews mit allen Einwohnern ab 90 Jahren nach. Auf Okinawa kommen ein staatliches Verzeichnis der Hochbetagten, Volkszählungsdaten sowie mikrofilmierten Geburtsurkunden hinzu.

Die Prüfung hat auch Fehler gefunden. In Sardinien fiel eine Frau auf, die mit 110 Jahren gemeldet worden war, deren Sterbeurkunde aber nicht zu ihrer Geburtsurkunde passte. Eine jüngere Schwester trug denselben Namen und war drei Jahre später geboren. Die Angabe wurde gestrichen. Auf der Halbinsel Nicoya wurde eine Zahl von 35 mutmaßlichen Hundertjährigen vor Ort geprüft. Eine Person, die 107 Jahre angegeben hatte, war keine Hundertjährige und wurde ebenfalls entfernt.

Die Blue-Zone-Forscher um Austad und Pes halten entgegen, dass die genannten Regionen nach denselben Regeln geprüft wurden wie andere Spitzenwerte der Weltbevölkerung. Diese Regeln hat die Gerontologie über mehr als ein Jahrhundert entwickelt. Eine randomisierte kontrollierte Studie, die Menschen in eine dieser Regionen umzieht, ist nicht durchführbar. Alle Befunde aus den Blue Zones sind Beobachtungen aus der Bevölkerung, keine Versuche.

Auch an der Ernährungsthese gibt es Zweifel. Es sei zu oft einfach unterstellt, dass eine in einer langlebigen Bevölkerung dokumentierte Ernährungsweise die Lebenserwartung verursache, halten Pes und Kollegen in einer Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Maturitas fest. Dieser Schluss müsse erst bewiesen werden. Hinzu kommt der Befund, dass sich die Ernährung in den Regionen über die Zeit verändert hat. Was als Blue-Zone-Diät beschrieben wird, bündelt unterschiedliche Gewohnheiten aus einem längeren Zeitraum.

Und die Zonen selbst lösen sich auf. Nach Angaben der Forscher hat sich der Vorsprung in Okinawa durch die Angleichung an westliche Lebensweisen abgeschwächt, das Gebiet erfüllt die eigenen Kriterien nach heutigem Stand nicht mehr. In Nicoya schrumpft die Zone, die Werte nähern sich denen der Nachbargebiete an. Der Überblick nennt zusätzlich eine niederländische Gemeinde, eine chinesische Region und Martinique als Orte, an denen sich ähnliche Muster zeigen. Für alle drei steht die Prüfung noch aus.

Was unabhängig davon gut belegt ist

Vier Punkte halten einer eigenen Prüfung stand, und keiner davon braucht die Blue Zones als Beleg. Für alle vier liegen große Studien aus der allgemeinen Gesundheitsforschung vor.

Bewegung im Alltag

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen mindestens 150 Minuten Bewegung mittlerer Intensität pro Woche. Bewegung zählt dabei auch, wenn sie nebenbei passiert, etwa auf dem Weg zur Arbeit, im Haushalt oder beim aktiven Spielen. Wer sich zu wenig bewegt, hat ein um 20 bis 30 Prozent höheres Risiko, zu sterben. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind 31 Prozent der Erwachsenen weltweit zu wenig aktiv.

Viel Gemüse und Obst

Eine Metaanalyse von 95 Studien hat den Zusammenhang zwischen Obst- und Gemüsekonsum und der Sterblichkeit untersucht. Pro 200 Gramm täglich lag das relative Risiko für einen vorzeitigen Tod bei 0,90. Die Rückgänge hielten bis zu einer Menge von 800 Gramm pro Tag an. Nach derselben Auswertung lassen sich weltweit 5,6 Millionen vorzeitig verstorbene Personen mit einem Konsum unter 500 Gramm pro Tag in Verbindung bringen, sofern die beobachteten Zusammenhänge kausal sind.

Soziale Bindung

Eine Metaanalyse mit 148 Studien und rund 309.000 Teilnehmenden kam zu einem deutlichen Ergebnis: Menschen mit stärkeren sozialen Bindungen hatten eine um 50 Prozent höhere Überlebenschance. Der Zusammenhang blieb über Altersgruppen, Geschlechter und Nachbeobachtungszeiträume hinweg bestehen. Am stärksten fiel er aus, wenn die Bindungen differenziert gemessen wurden, am schwächsten bei der schlichten Frage, ob jemand allein lebt. Nach Einschätzung der Autoren liegt die Größenordnung in der Nähe des Effekts vom Aufhören beim Rauchen und über der von Bewegungsmangel und Übergewicht.

Nichtrauchen

Tabak ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation für mehr als 7 Millionen Todesfälle pro Jahr verantwortlich, darunter gut 1,6 Millionen Menschen, die dem Rauch anderer ausgesetzt waren. Nikotin macht stark abhängig. Beratung zusammen mit Medikamenten können die Chancen auf einen erfolgreichen Ausstieg mehr als verdoppeln.

Was man übernehmen kann

Der brauchbare Teil lässt sich in fünf Schritte übersetzen. Keiner davon verlangt einen Umzug.

  • Bewegung in den Alltag einbauen. 150 Minuten pro Woche sind die Referenz der Weltgesundheitsorganisation. Spaziergänge, Radfahrten und Gartenarbeit zählen mit, wenn sie fortdauern und Sie dabei leicht schwitzen oder Ihre Atmung sich deutlich beschleunigt.
  • Obst und Gemüse zur Grundlage machen. Sinkende Risiken sind in der Auswertung bis 800 Gramm täglich beobachtet worden. Das ist eine Größenordnung, die Einkauf und Planung verlangt. Wer sie ernst nimmt, kauft entsprechend ein.
  • Ein bis zwei feste Kontakte pflegen, die nichts mit Ihrer Arbeit zu tun haben. Ein Vereinsabend, eine Sportgruppe, ein Spaziergang mit einer befreundeten Person.
  • Wenn Sie rauchen, hören Sie auf. Die Weltgesundheitsorganisation verweist darauf, dass Beratung und Medikamente die Aussichten auf Erfolg mehr als verdoppeln. Beides sollten Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt besprechen.
  • Regelmäßig zur Vorsorge gehen. Blutdruck, Blutzucker und die üblichen Untersuchungen gehören überprüft, auch wenn Sie sich gesund fühlen.

Was sich nicht übertragen lässt: der Ort selbst. Die Blue Zones sind ein brauchbarer Anlass, eigene Gewohnheiten zu prüfen. Für die Gewohnheiten selbst liefert die allgemeine Gesundheitsforschung die belastbarere Evidenz.

Häufig gestellte Fragen

Wie zuverlässig sind die Altersangaben in den Blue Zones?

In Sardinien wurden die Angaben gegen Standesregister, Kirchenbücher und die rekonstruierte Familiengeschichte geprüft, auf Ikaria über Sterberegister, Gemeindeunterlagen und Interviews mit allen Einwohnern ab 90 Jahren. Falsche Angaben sind in allen vier Regionen gefunden und entfernt worden. Für Regionen ohne eine solche Prüfung bleibt der Einwand der Kritik bestehen.

Warum halten die Blue Zones nicht ewig?

Weil Lebensumfeld und Gewohnheiten sich ändern. Der Vorsprung Okinawas hat sich durch die Angleichung an westliche Lebensweisen abgeschwächt, auf Nicoya schrumpft die Zone. Ein Überblick nennt eine niederländische Gemeinde, eine Region in China und Martinique als Orte mit ähnlichen Mustern. Bei allen drei steht die Prüfung noch aus, und die Gründe für das Verschwinden einer Zone sind nicht geklärt.

Was ist mit den Genen?

Mehrere Untersuchungen fanden in diesen Bevölkerungen keine Häufung von Genvarianten, die anderswo mit hoher Lebensdauer in Verbindung stehen. Ein genetischer Anteil bleibt damit möglich. Die Frage ist offen.

Muss ich nach Okinawa ziehen, um davon zu profitieren?

Nein. Die Beobachtungen aus den vier Regionen beschreiben Lebensweisen in einer ganz bestimmten Umgebung. Die belegten Punkte lassen sich in jeder deutschen Stadt umsetzen. Was Sie nicht mitnehmen können, sind Insel, Klima und das soziale Gefüge dieser Orte.

Quellen

  1. Candal-Pedreira C, Rey-Brandariz J, Martín-Gisbert L, Teijeiro A, et al. Blue Zones, an Analysis of Existing Evidence through a Scoping Review. Aging and Disease. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40479568/
  2. Pes GM, Dore MP, Tsofliou F, Poulain M. Diet and longevity in the Blue Zones: A set-and-forget issue? Maturitas. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35780634/
  3. Austad SN, Pes GM. The validity of Blue Zones demography: a response to critiques. The Gerontologist. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41405258/
  4. Poulain M, Herm A. Blue Zone, a Demographic Concept and Beyond. American Journal of Lifestyle Medicine. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40452754/
  5. Panagiotakos DB, Chrysohoou C, Siasos G, et al. Sociodemographic and lifestyle statistics of oldest old people (>80 years) living in Ikaria island: the Ikaria study. Cardiology Research and Practice. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21403883/
  6. Holt-Lunstad J, Smith TB, Layton JB. Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLOS Medicine. https://journals.plos.org/plosmedicine/article?id=10.1371/journal.pmed.1000316
  7. Aune D, Giovannucci E, Boffetta P, et al. Fruit and vegetable intake and the risk of cardiovascular disease, total cancer and all-cause mortality. International Journal of Epidemiology. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28338764/
  8. World Health Organization. Physical activity. Faktenblatt. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/physical-activity
  9. World Health Organization. Tobacco and nicotine. Faktenblatt. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/tobacco