Sie treffen nicht nur ältere Männer: In einer Untersuchung von Männern, die erstmals ärztliche Hilfe suchten, war jeder Vierte unter 40 Jahre alt. Wer früh ärztlichen Rat sucht, kann die Ursache abklären und die Störung meist gut behandeln lassen.
Medizinisch heißt sie erektile Dysfunktion. Gemeint ist die anhaltende Unfähigkeit, eine Erektion aufzubauen oder so lange zu halten, dass ein befriedigender Geschlechtsverkehr möglich ist. Entscheidend ist die Dauer: Erst wenn das Problem über mindestens sechs Monate besteht, sprechen Fachleute von einer erektilen Dysfunktion. Gelegentliche Schwierigkeiten passieren vielen Männern. Sie haben meist einen einfachen Grund, etwa Müdigkeit, Stress oder zu viel Alkohol.
Das Wichtigste in Kürze
- Erektionsstörungen sind häufig. In einer Untersuchung aus dem Raum Boston hatte rund die Hälfte der Männer zwischen 40 und 70 Jahren eine Erektionsstörung.
- Treten die Probleme immer wieder auf, lohnt sich ein Arztbesuch. Dahinter kann eine behandelbare Erkrankung stecken. Ein Testosteronmangel spielt selten die Hauptrolle.
- Erektionsstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen teilen dieselben Risikofaktoren. Die Leitlinie der europäischen Urologenvereinigung sieht die Störung als Vorzeichen eines erhöhten Herzrisikos.
- Bewegung, weniger Alkohol, Nichtrauchen und ein gesundes Gewicht verbessern die Erektionsfähigkeit.
- Meistens verschreibt die Ärztin oder der Arzt zuerst ein Medikament aus der Gruppe der PDE-5-Hemmer.
Wie häufig Erektionsstörungen sind
In einer Untersuchung aus dem Raum Boston litten 52 Prozent der Männer zwischen 40 und 70 Jahren an einer Erektionsstörung. Am häufigsten handelte es sich um eine leichte Form mit 17,2 Prozent, gefolgt von einer mittelschweren Form mit 25,2 Prozent. Eine schwere Form kam bei 9,6 Prozent der Männer vor. Eine Kölner Studie bei Männern von 30 bis 80 Jahren kam auf 19,2 Prozent, mit einem deutlichen Anstieg von 2,3 Prozent bei den Jüngeren auf 53,4 Prozent bei den Ältesten.
Die Unterschiede erklären sich durch verschiedene Methoden, Altersgruppen und Lebensverhältnisse. Sicher ist: Die Häufigkeit nimmt mit dem Alter deutlich zu.
Auch das Alter bei Beschwerdebeginn verdient Aufmerksamkeit. In einer Erhebung von Männern, die zum ersten Mal wegen neuer Beschwerden eine Praxis aufsuchten, war einer von vier jünger als 40 Jahre alt. Fast die Hälfte dieser jungen Männer klagte über eine schwere Form.
Welche körperlichen Ursachen es gibt
Eine Erektion entsteht nur, wenn mehrere Systeme zusammenspielen: die Blutgefäße, die Nerven, die Hormone und die Muskeln im Penis. Medizinisch unterscheiden Fachleute körperliche, seelische und gemischte Ursachen. In der Praxis kommen die Faktoren meist zusammen vor.
- Gefäße: Arteriosklerose verengt die Gefäße, die das Blut in den Penis bringen. Dieselben Risikofaktoren schädigen auch die Herzkranzgefäße.
- Zuckerkrankheit: Männer mit Diabetes haben nach einer Untersuchung aus Boston dreimal so häufig Erektionsstörungen wie Männer ohne Diabetes. Der Zucker schädigt zusätzlich die Nerven.
- Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Übergewicht und das metabolische Syndrom, also das gleichzeitige Auftreten mehrerer dieser Faktoren: Diese Erkrankungen gelten als Risikofaktoren. Bei Männern mit Diabetes und metabolischem Syndrom zählen Erektionsstörungen zu den häufigsten Beschwerden.
- Hormone: Die Urologenvereinigung nennt einen Mangel an Testosteron und eine Überfunktion der Schilddrüse als mögliche Ursachen. Ein Testosteronmangel ist allerdings nur selten die Ursache. Sein häufigstes Zeichen ist ein nachlassendes Interesse an Sex.
- Nerven und Operationen: Multiple Sklerose, Rückenmarksverletzungen und Schäden an den Nerven durch Diabetes spielen eine Rolle. Nach einer Entfernung der Prostata berichten je nach Untersuchung 25 bis 75 Prozent der Männer von Erektionsstörungen. Auch Operationen am Darm und Bestrahlungen können sie auslösen.
- Radfahren: Druck auf die Nerven der Genitalregion kann vorübergehende Ausfälle verursachen. Deximed rät, auf einen passenden Sattel zu achten, die Sitzposition oft zu wechseln und alle zehn Minuten aufzustehen.
- Medikamente: Blutdrucksenker, besonders Entwässerungsmittel und Betablocker, gehören ebenso dazu wie Mittel gegen Depressionen, andere psychische Erkrankungen und Medikamente, die den Testosteronspiegel senken.
- Genussmittel: Nikotin, starker Alkoholkonsum, Cannabis, Kokain und Anabolika erscheinen in den Listen der Fachleute.
Welche seelischen Ursachen es gibt
Deutliche Belastungen, Depression, Angststörungen, Paarkonflikte und Leistungsdruck beim Geschlechtsverkehr gehören zu den Auslösern.
Ein Hinweis hilft bei der Einordnung. Die Leitlinie rät, im Gespräch nach der Festigkeit der Erektion beim Sex und am Morgen zu fragen. Bleibt die Morgenerektion erhalten, kann das auf eine seelische Ursache hindeuten. Eine stufenweise Verschlechterung gilt Fachleuten als Warnzeichen für eine körperliche Ursache.
Leistungsdruck und Sorgen können die Probleme verstärken. Die Leitlinie empfiehlt dann Gesprächs- und Verhaltenstherapie, auch als Paar.
Erektionsstörungen als Warnsignal für das Herz
Die europäische Urologenvereinigung zählt Erektionsstörungen zu den Symptomen, die dem Arzt Hinweise auf eine Grunderkrankung geben. Sie erhöhen nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, für einen Schlaganfall und für einen frühen Tod. Viele Männer, bei denen eine Verengung der Herzkranzgefäße festgestellt wird, hatten bereits etwa drei Jahre lang Erektionsprobleme.
Deshalb raten Fachleute dazu, Männer mit deutlichen Potenzproblemen genauer anzusehen. Bei der Untersuchung gehören Blutdruckmessung, Blutzucker, Blutfette und ein Testosteronwert dazu. Diese Werte verraten, ob Gefäße, Stoffwechsel oder Hormone die Beschwerden mitverursachen.
Wer Blutdrucksenker einnimmt, sollte die Erektionsprobleme ansprechen und die Mittel nicht eigenmächtig absetzen. Neuere Wirkstoffe beeinträchtigen die Erektion weniger. Wenn die Beschwerden immer wieder auftreten, sollten Sie eine Praxis aufsuchen.
Was Lebensstil und Bewegung bringen
Die Leitlinie der Urologenvereinigung empfiehlt, Lebensgewohnheiten vor oder gleichzeitig mit jeder anderen Behandlung zu verändern. Bewegung, ein gesundes Gewicht und das Senken der Herz-Risikofaktoren verbessern die Erektionsfähigkeit. In einer Studie mit 110 stark übergewichtigen Männern verbesserte ein intensives Programm aus Ernährungsberatung und Bewegung die Erektionsfähigkeit nach zwei Jahren deutlich stärker als allgemeine Ratschläge.
Mehr Bewegung hilft auch dann, wenn Medikamente allein nicht ausreichen. In einer kleinen Studie mit 60 Männern bekam die Hälfte ein Medikament aus der Gruppe der PDE-5-Hemmer, die andere Hälfte zusätzlich mindestens drei Stunden Ausdauersport pro Woche. Nach drei Monaten war die Erektion bei 77,8 Prozent der sportlichen Gruppe wiederhergestellt, bei 39,3 Prozent der Vergleichsgruppe.
Auch eine große Studie mit Männern, die an Diabetes Typ 2 litten und übergewichtig waren, bestätigte den Nutzen. Nach einem Jahr berichteten 8 Prozent der Männer aus der Gruppe mit intensiver Lebensumstellung von einer Verschlechterung, in der Kontrollgruppe waren es 22 Prozent. Diese Lebensumstellung bestand aus mehr Bewegung und einem Programm zur Gewichtsabnahme.
Bei Männern mit Bluthochdruck verbesserte ein Training über acht Wochen mit täglich 45 bis 60 Minuten Bewegung die Erektionsfähigkeit stärker als bei Männern, die sich nicht mehr bewegten. Als Empfehlung nennen die Fachleute 30 Minuten Ausdauersport an den meisten Tagen der Woche. Bei Übergewicht kann schon eine Gewichtsabnahme von 5 bis 10 Prozent die Erektionsfähigkeit rasch verbessern.
Auch der Rauchstopp lohnt sich. Nach einem Jahr hatte sich die Erektionsfähigkeit bei mindestens 25 Prozent der Männer gebessert, die das Rauchen aufgegeben hatten. Bei den Männern, die weitermachten, besserte sich nichts.
Beim Alkohol kommt es auf die Menge an. Bei Männern in Australien lag das Risiko bei einem Konsum von ein bis zwanzig Standardgetränken pro Woche am niedrigsten, bei stärkerem Konsum stieg es. Der britische Gesundheitsdienst rät, nicht mehr als 14 Einheiten pro Woche zu trinken. Bei Radfahrern empfiehlt er eine Pause, wenn die Wochensumme über drei Stunden liegt.
Wie die Behandlung abläuft
Am Anfang steht ein Gespräch. Die Ärztin oder der Arzt fragt nach Lebensgewohnheiten, Beziehung und Vorerkrankungen, misst den Blutdruck und untersucht den Intimbereich. Im Blut werden Blutzucker, Blutfette und Testosteron bestimmt. Die Leitlinie empfiehlt außerdem Aufklärung über Sexualität und Gesprächstherapie, einzeln oder als Paar.
Bei vielen Männern reicht ein Medikament aus der Gruppe der PDE-5-Hemmer. Diese Stoffe verstärken und verlängern eine von selbst entstehende Erektion. Voraussetzung dafür ist eine Erregung. In Studien berichteten je nach Wirkstoff und Dosis gut die Hälfte bis vier Fünftel der Männer über bessere Erektionen, unter Scheinmedikament etwa ein Viertel bis knapp ein Drittel.
Die Europäische Arzneimittelagentur hat vier dieser Wirkstoffe für die Erektionsstörung zugelassen. Nebenwirkungen treten auf, sind meist mild und verschwinden von selbst. Kopfschmerzen, Gesichtsrötung, Magen-Darm-Beschwerden und eine verstopfte Nase gehören dazu.
Eine Kombination mit Nitrat-Medikamenten ist streng verboten. Dazu gehören die Mittel, die Ärztinnen und Ärzte bei Herzschmerzen in der Brust und bei Erkrankungen der Herzgefäße verschreiben. Auch das Freizeitmittel Poppers zählt dazu. Zusammen können sie den Blutdruck unberechenbar stark fallen lassen.
Bringt die Tablette nichts, gibt es eine mechanische Alternative. Bei einer Vakuumpumpe wird ein Kunststoffzylinder über den Penis gestülpt. Ein Gummiring am Fuß des Zylinders hält das Blut im Penis. Die Leitlinie nennt die Vakuumpumpe vor allem für ältere Männer mit seltenem Geschlechtsverkehr und Begleiterkrankungen, die eine Behandlung ohne Medikament wünschen. In den dort ausgewerteten Studien erreichen bis zu 90 Prozent der Männer eine für den Geschlechtsverkehr brauchbare Erektion.
Wenn Tablette und Pumpe nicht helfen, kann eine Spritze in das Gewebe im Penis die Gefäße direkt weiten.
Eine letzte Stufe ist eine operativ eingesetzte Penisprothese. Die Leitlinie sieht sie für Männer vor, bei denen andere Behandlungen scheitern oder die eine endgültige Lösung wünschen.
Nicht jedes Mittel passt zu jedem Mann. Bei Blutdrucksenkern und Mitteln gegen Depressionen muss die Ärztin oder der Arzt die genaue Liste kennen. Bleibt das Ergebnis unbefriedigend, verweisen Fachleute an einen Facharzt für Urologie oder an einen Therapeuten mit sexualmedizinischer Erfahrung.
Mit der Partnerin oder dem Partner sprechen
Paare erleben Erektionsstörungen gemeinsam. Die Fachleute der Urologenvereinigung empfehlen, die Partnerin oder den Partner in die Beratung und in die Behandlung einzubeziehen.
Das Österreichische Gesundheitsportal nennt eine lebendige, stimmige Partnerschaft, in der offene Gespräche über Sexualität möglich sind, als förderlich. Wenn die Belastung so groß ist, dass Paargespräche nicht ausreichen, hilft eine Psychotherapie oder Sexualtherapie. Fachleute empfehlen sie einzeln, als Paar- oder als Gruppenangebot.
Häufig gestellte Fragen
Bin ich mit 35 Jahren zu jung für dieses Thema?
Nein. In einer Untersuchung von Männern, die erstmals ärztliche Hilfe suchten, war jeder Vierte unter 40 Jahre alt. Fachleute der Urologenvereinigung raten, junge Männer mit Erektionsstörungen ebenso gründlich zu untersuchen wie ältere.
Wie lange sollte ich warten, bevor ich zum Arzt gehe?
Medizinisch gesprochen ist von einer erektilen Dysfunktion ab sechs Monaten die Rede. Wenn die Beschwerden immer wieder auftreten, ist eine Untersuchung sinnvoll. Sie klärt Blutdruck, Blutzucker, Blutfette und Testosteron.
Sind die Medikamente gefährlich?
Die Mittel der ersten Wahl gelten als gut verträglich. Ihre Nebenwirkungen sind meist mild und verschwinden von selbst. Eine Kombination mit Nitrat-Medikamenten ist verboten, weil der Blutdruck sonst stark fallen kann. Nennen Sie deshalb in der Praxis alle Mittel, die Sie einnehmen.
Hilft Sport allein, ohne Medikament?
Bei leichten Beschwerden kann Bewegung der erste Schritt sein. Bei Männern mit Bluthochdruck verbesserte ein Training von 45 bis 60 Minuten über acht Wochen die Erektionsfähigkeit. Bei stärkeren Beschwerden wirken Lebensumstellung und Medikament häufig zusammen. In einer Studie mit 60 Männern erreichten 77,8 Prozent der sportlich Aktiven mit Medikament eine wiederhergestellte Erektion, in der Gruppe ohne zusätzlichen Sport waren es 39,3 Prozent.
Was bedeutet es, wenn ich nachts keine Erektion mehr habe?
Das ist ein wichtiger Hinweis. Die Leitlinie rät, im Gespräch nach der Festigkeit der Erektion beim Sex und am Morgen zu fragen. Bleibt die Morgenerektion erhalten, kann das auf eine seelische Ursache hindeuten. Klarheit bringt eine ärztliche Untersuchung.
Kann eine Operation im Becken eine Erektionsstörung auslösen?
Ja. Nach einer Entfernung der Prostata berichten je nach Untersuchung 25 bis 75 Prozent der Männer von Erektionsstörungen. Nach einer Bestrahlung nennt die Urologenvereinigung 34 Prozent nach einem Jahr und 57 Prozent nach gut fünf Jahren. Ohne Hilfe erholt sich die Erektionsfähigkeit nach einer Prostataentfernung nur bei 20 bis 25 von 100 Männern.
Quellen
- European Association of Urology. EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health, Kapitel „Epidemiology and Prevalence of Sexual Dysfunction and Disorders of Male Reproductive Health“. uroweb.org
- European Association of Urology. EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health, Kapitel „Management of Erectile Dysfunction“. uroweb.org
- Maiorino MI, Bellastella G, Esposito K. Lifestyle modifications and erectile dysfunction: what can be expected? Asian Journal of Andrology, PMC. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- Plank M. Erektile Dysfunktion (Potenzstörung). Deximed, Deutsche Experteninformation Medizin. deximed.de
- Gesundheitsportal des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Erektionsstörung (Erektile Dysfunktion). gesundheit.gv.at
- NHS. Erectile dysfunction (impotence). nhs.uk



