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Was Beckenbodentraining bei Blasenschwäche bringt

Beckenbodentraining ist eine der ersten Maßnahmen, die Leitlinien bei Blasenschwäche empfehlen.

Gesundheit10 Min. Lesezeit

Geht Urin beim Husten, Niesen oder Heben verloren, liegt meist eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur zugrunde. Gezielte Übungen kräftigen diese Muskeln und können die Beschwerden deutlich lindern.

Der Beckenboden ist eine Muskelplatte, die den Bauchraum nach unten abschließt und Blase, Darm und Gebärmutter trägt. Sie gibt diesen Organen Halt und hält den Druck stand, der beim Husten und Lachen, beim Pressen beim Stuhlgang und beim Heben schwerer Gegenstände entsteht. Ein Beckenbodentraining verbindet Anspannen und Entspannen. Lernen lässt es sich mit einer Physiotherapeutin oder einem Physiotherapeuten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Blasenschwäche ist häufig. In Deutschland leben nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit schätzungsweise 10 Millionen Menschen damit.
  • Belastungsinkontinenz und Dranginkontinenz haben verschiedene Ursachen und werden verschieden behandelt. Bei der Mischform behandelt man zuerst das stärkste Symptom.
  • Beckenbodentraining umfasst mindestens drei Monate. Eine Einheit besteht aus mehreren Zusammenziehungen, die Sie bis zu dreimal am Tag wiederholen.
  • In Studien berichteten 56 von 100 Frauen mit Belastungsinkontinenz nach dem Training, sie seien beschwerdefrei. Ohne Training waren es 6 von 100.
  • Wer die richtigen Muskeln trainiert, erlebt selten Beschwerden. Bauch- und Gesäßmuskeln gehören nicht zum Beckenboden.

Zwei Formen von Blasenschwäche

Ungewollter Urinverlust hat meist eine von zwei Ursachen, und die Behandlung richtet sich danach.

  • Belastungsinkontinenz, auch Stressinkontinenz: Der Druck in der Blase steigt durch Husten, Niesen, Laufen, Hüpfen oder Springen. Die Blase verliert dabei Urin, ohne dass ein starker Harndrang vorausgeht. Ursache ist meist eine Schwäche der Beckenbodenmuskulatur oder des Blasenschließmuskels. Diese Form betrifft vor allem Schwangere und Frauen, die Kinder geboren haben.
  • Dranginkontinenz: Ein starker, kaum unterdrückbarer Harndrang geht dem Urinverlust voraus. Die Blase meldet sich dabei schon bei geringer Füllung. Manche Betroffene schaffen es noch rechtzeitig zur Toilette, andere verlieren vorher Urin.
  • Mischinkontinenz: Beide Formen kommen zusammen vor. Bei Frauen ist sie häufig. Bei der Mischform wird zuerst das Symptom behandelt, das Sie am meisten belastet.

Wie häufig Blasenschwäche vorkommt

Das Thema ist häufiger, als viele vermuten. Weltweit leben nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit mehr als 400 Millionen Menschen mit einer Blasenschwäche. In Deutschland sind es schätzungsweise 10 Millionen Menschen.

Bei Menschen über 60 Jahren sind bis zu 61 Prozent betroffen. In Pflegeeinrichtungen sind es sogar bis zu 80 Prozent. Bis zum 75. Lebensjahr tritt Blasenschwäche bei Frauen doppelt so häufig auf wie bei Männern. Bei Frauen über 60 Jahren ist die Mischinkontinenz die häufigste Form.

Internationale Studien nennen 13,1 von 100 Frauen. Andere Übersichtsarbeiten kommen auf Werte zwischen 4,4 und 44 von 100, im Mittel auf 23,5 von 100. Eine deutsche Erhebung aus dem Gesundheitswesen zeigt den deutlichen Anstieg mit dem Alter: 7,8 von 100 Frauen zwischen 18 und 40 Jahren, 11,3 von 100 zwischen 41 und 60 Jahren und 27,1 von 100 über 60 Jahren. Insgesamt berichteten 15 von 100 Frauen über Beschwerden.

Warum die Muskulatur nachgibt

Meist kommen mehrere Faktoren zusammen. Bei Frauen spielen vor allem diese eine Rolle:

  • Geburten: Vor allem vaginale Entbindungen und mehrere Geburten können den Beckenboden schwächen. Auch während der Schwangerschaft und nach einer Geburt kann regelmäßiges Training sinnvoll sein.
  • Die Wechseljahre: Nach den Wechseljahren kann ein Hormonmangel in der Scheide entstehen. Eine Hormonspirale oder die Einnahme der Pille können diesen Mangel fördern. Das Gewebe wird dünner und verliert an Elastizität.
  • Das Gewicht: Übergewicht und starkes Übergewicht erhöhen das Risiko. Frauen und Männer mit Blasenschwäche und starkem Übergewicht bekommen von den Leitlinien empfohlen, ihr Gewicht zu reduzieren und das niedrigere Gewicht zu halten. Als starkes Übergewicht gilt ein Körpergewicht, das über einem Body-Mass-Index von 30 liegt.
  • Husten, Verstopfung und schwere körperliche Arbeit: Alle drei belasten den Beckenboden dauerhaft. Rauchen fördert den Husten.
  • Erkrankungen und Medikamente: Zuckerkrankheit, Multiple Sklerose und die Parkinson-Erkrankung erhöhen das Risiko. Harntreibende Medikamente können die Beschwerden verstärken.

Den Beckenboden finden und trainieren

Der Beckenboden liegt im Inneren des Körpers. Wer ihn zum ersten Mal anspannt, sieht und spürt ihn kaum. Deshalb beginnt jedes Training mit dem Ertasten.

Schritt 1: Die richtigen Muskeln spüren

Legen Sie sich bequem auf den Rücken und stellen Sie die Füße leicht gegrätscht auf. Kneifen Sie den Schließmuskel Ihrer Harnröhre zusammen, so als würden Sie beim Wasserlassen den Urinstrahl willentlich unterbrechen. Die Muskeln des Beckenbodens spannen sich dabei automatisch an. Diese Übung dient allein dem Ertasten. Üben Sie sie nicht regelmäßig.

Legen Sie eine Hand locker auf den Bauch und atmen Sie gleichmäßig ein und aus. Beim Einatmen senkt sich das Zwerchfell, der Beckenboden dehnt sich etwas aus und sinkt nach unten. Beim Ausatmen hebt sich das Zwerchfell, die Muskeln ziehen sich wieder zusammen und der Beckenboden steigt nach oben.

Eine angespannte Beckenbodenmuskulatur können Sie auch am Damm ertasten. Der Damm liegt zwischen Scheide und After und gehört zum Beckenboden. Spannen Sie ihn wie oben beschrieben an, dann spüren Sie ihn.

Schritt 2: Die falschen Muskeln vermeiden

Ein typischer Fehler ist, die falschen Muskeln zu trainieren. Bauch- und Gesäßmuskeln gehören nicht zum Beckenboden. Halten Sie beim Training den Atem nicht an. Verbinden Sie die Übungen mit der Atmung, so wie es oben beschrieben ist.

Schritt 3: Regelmäßig üben

Die britische Leitlinie NG123 empfiehlt ein Training mit mindestens acht Zusammenziehungen, dreimal am Tag.

Trainieren Sie im Liegen, im Sitzen oder im Stehen. Übungen wirken nur, wenn Sie sie regelmäßig machen. Bauen Sie das Training fest in Ihren Tagesablauf ein, etwa nach dem Zähneputzen. Die deutsche S2k-Leitlinie der DGGG empfiehlt, die Beckenbodenkraft während des Trainings zu kontrollieren und das Training über mindestens drei Monate durchzuführen. Die britische Leitlinie sieht bei einer symptomatischen Absenkung der Beckenorgane ein betreutes Training von mindestens 16 Wochen vor.

Was die Forschung zeigt

Eine Cochrane-Übersichtsarbeit hat 31 Studien mit 1817 Frauen aus 14 Ländern ausgewertet. Die Frauen litten an Belastungs-, Drang- oder Mischinkontinenz. Die meisten eingeschlossenen Studien waren klein bis mittelgroß, und die Qualität der Belege wurde überwiegend als mittel eingestuft.

  • Als geheilt berichtet, Belastungsinkontinenz: Am Ende der Behandlung sagten 56 von 100 Frauen in der Trainingsgruppe, sie hätten keine Beschwerden mehr. In der Kontrollgruppe waren es 6 von 100.
  • Als geheilt berichtet, jede Form von Inkontinenz: Hier lagen 35 von 100 Frauen in der Trainingsgruppe und 6 von 100 in der Kontrollgruppe.
  • Als geheilt oder deutlich besser berichtet, Belastungsinkontinenz: 74 von 100 Frauen in der Trainingsgruppe gaben an, die Beschwerden seien verschwunden oder leichter geworden. In der Kontrollgruppe waren es 11 von 100.
  • Als geheilt oder deutlich besser berichtet, jede Form: Hier lagen 67 von 100 Frauen in der Trainingsgruppe und 29 von 100 in der Kontrollgruppe.
  • Weniger Urinverlust am Tag: Frauen mit Training hatten im Schnitt einen ungewollten Urinverlust pro Tag weniger als Frauen ohne Training.

Zu Dranginkontinenz und Mischinkontinenz lagen den Autoren nur je eine Studie vor. Für diese beiden Formen fällt die Datenlage dünner aus.

Nebenwirkungen waren selten. In den zwei Studien, die überhaupt Nebenwirkungen berichtet haben, fielen sie mild aus. Über die langfristige Wirkung sagt die Übersichtsarbeit noch nichts Verlässliches, weil die meisten Studien die Frauen weniger als zwölf Monate begleitet haben.

Weitere Hilfen

Beckenbodentraining wirkt am besten zusammen mit anderen Maßnahmen.

  • Blasentraining bei starkem Harndrang: Es trainiert die Blase, sich stärker zu dehnen und mehr Harn zu speichern. Grundlage ist ein Tagebuch mit Toilettengängen, Trinkmengen und Urinmengen. Dazu kommen ein fester Toilettenplan und ein Trinkplan. Bei Drang- und Mischinkontinenz sieht die britische Leitlinie ein Blasentraining von mindestens sechs Wochen als erste Therapie vor.
  • Weniger Koffein: Eine Verringerung der Koffeineinnahme bessert den starken Harndrang und die häufigen Toilettengänge. Auf die Belastungsinkontinenz wirkt sie sich nicht aus.
  • Genug trinken: Wer aus Angst vor Urinverlust wenig trinkt, produziert stark konzentrierten Urin, der die Blase reizt. Eine ausreichende Trinkmenge beruhigt die Blase. Kaffee, schwarzer und grüner Tee sowie alkoholische Getränke wirken harntreibend.
  • Gewicht reduzieren: Bei starkem Übergewicht raten die Leitlinien zum Abnehmen. Das senkt den Druck auf Blase und Beckenboden.
  • Verstopfung und Husten behandeln: Beide belasten den Beckenboden dauerhaft. Bei Verstopfung empfiehlt die S2k-Leitlinie der DGGG, die Darmbehandlung mit der Ärztin oder dem Arzt zu besprechen.
  • Hilfsmittel im Alltag: Bei Belastungsinkontinenz kommt ein Pessar als Behandlung infrage. Elektrische Reizung und Biofeedback empfiehlt die britische Leitlinie nicht routinemäßig, sondern für Frauen, die den Beckenboden nicht selbst anspannen können. Inkontinenzvorlagen fangen Urin auf und behandeln die Ursache nicht. Die britische Leitlinie sieht sie deshalb als Überbrückung bis zu einer endgültigen Behandlung, als Ergänzung zu einer laufenden Therapie oder als Dauerlösung, nachdem alle Behandlungsmöglichkeiten geprüft wurden.
  • Techniken für den Alltag: Beim Aufstehen rollen Sie sich zuerst auf die Seite und stützen Sie sich dann auf. Beim Heben gehen Sie in die Knie, statt den Rücken zu beugen, und halten Sie die Luft nicht an. Beim Husten und Niesen schauen Sie nach oben oder über die Schulter. Ein krumm sitzender Rücken schwächt die Beckenbodenmuskulatur und drückt die Bauchorgane auf den Beckenboden. Übungen wie Sit-ups erzeugen hohen Druck im Bauchraum. Sie sind bei schwacher Blase, in der Schwangerschaft und kurz nach der Geburt problematisch. Auch Sportarten wie Radfahren, Schwimmen und Yoga stärken den Beckenboden.

Wann die Ärztin aufsuchen

Ein Termin ist der richtige Schritt, wenn Sie unsicher sind, welche Form der Blasenschwäche vorliegt. Diese Situationen sollten Sie ansprechen:

  • Blasen- oder Harnröhrenbeschwerden, die bleiben
  • Probleme beim Wasserlassen, etwa ein schwacher Strahl oder das Gefühl, dass die Blase nicht leer wird
  • Urinverlust zusammen mit Stuhlinkontinenz
  • Verdacht auf eine neurologische Erkrankung
  • Blut im Urin oder wiederkehrende Blasenentzündungen
  • Frühere Operationen oder Bestrahlungen im Becken und Beckenboden

Die Untersuchung beginnt mit einem Gespräch, einer körperlichen Untersuchung und einem Urintest. Ein Urinteststreifen prüft bei jeder Frau mit Blasenschwäche auf Blut, Zucker, Eiweiß und Entzündungszeichen. Vor einem betreuten Beckenbodentraining untersucht die Ärztin oder der Arzt, ob Sie die Muskeln zusammenziehen können.

Für das Gespräch hilft ein Tagebuch. Das Bundesministerium für Gesundheit empfiehlt, zwei Tage lang Trinkmenge, Toilettenbesuche, Urinmenge, ungewollte Urinverluste und die Häufigkeit des Harndrangs aufzuschreiben. Die britische Leitlinie verlangt für eine standardisierte Untersuchung mindestens drei Tage.

Die besten Ansprechpartner sind Urologinnen und Urologen oder Frauenärztinnen und Frauenärzte. Auch Hausärztinnen und Hausärzte können eine erste Abklärung machen.

Häufig gestellte Fragen

Wie lange dauert es, bis das Training wirkt?

Die Leitlinien setzen mindestens drei Monate Training an. Bleibt der Erfolg aus, lassen Sie von einer Fachfrau oder einem Fachmann prüfen, ob Sie die richtigen Muskeln trainieren.

Kann ich Beckenbodentraining ohne Rezept machen?

Ja. Am besten lernen Sie die Übungen in einer physiotherapeutischen Praxis. Eine Ärztin oder ein Arzt kann dafür ein Rezept ausstellen, dann bezahlt die gesetzliche Krankenkasse das Training. Danach üben Sie zu Hause weiter. Volkshochschulen und Hebammenpraxen bieten ebenfalls Kurse an.

Hilft Beckenbodentraining auch bei Dranginkontinenz?

Für Belastungs- und Mischinkontinenz nennen die Leitlinien das Beckenbodentraining als erste Maßnahme. Bei reiner Dranginkontinenz steht laut der britischen Leitlinie das Blasentraining im Mittelpunkt, mit einer Dauer von mindestens sechs Wochen. Die Cochrane-Übersichtsarbeit fand für reine Dranginkontinenz nur eine einzige Studie. Für die Belastungsinkontinenz ist die Datenlage deutlich breiter.

Kann ich mich beim Training verletzen?

Bei richtigem Training sind Nebenwirkungen selten. Nur zwei Studien der Cochrane-Übersichtsarbeit haben Nebenwirkungen erfasst, und dort waren sie mild. Wird der Beckenboden falsch angespannt, kann es zu Verspannungen und Schmerzen kommen. Deshalb ist die Anleitung durch eine Fachfrau oder einen Fachmann die bessere Wahl.

Muss ich auf Sit-ups verzichten?

Übungen wie Sit-ups erzeugen einen hohen Druck im Bauchraum. Das kann bei schwacher Blase, in der Schwangerschaft und kurz nach der Geburt problematisch sein. Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, ob Sie eine Weile auf diese Übungen verzichten oder eine schonendere Variante wählen.

Quellen

  1. Dumoulin C, Cacciari LP, Hay-Smith EJC. Pelvic floor muscle training versus no treatment, or inactive control treatments, for urinary incontinence in women. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018, Issue 10. Art. No.: CD005654. DOI: 10.1002/14651858.CD005654.pub4. cochrane.org/evidence/CD005654
  2. National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Urinary incontinence and pelvic organ prolapse in women: management. NICE guideline NG123. nice.org.uk/guidance/ng123
  3. Naumann G, Aigmüller T, et al. Diagnostik und Therapie der Harninkontinenz der Frau. Leitlinie der DGGG, OEGGG und SGGG (S2k-Level, AWMF-Registernummer 015/091, Januar 2022). Teil 1 mit Empfehlungen zu Diagnostik, konservativer und medikamentöser Therapie. Geburtshilfe Frauenheilkunde 2023; 83(4): 377–409. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10076094
  4. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Wie funktioniert ein Beckenbodentraining? gesundheitsinformation.de. gesundheitsinformation.de/wie-funktioniert-ein-beckenbodentraining.html
  5. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Wie funktioniert ein Blasentraining? gesundheitsinformation.de. gesundheitsinformation.de/wie-funktioniert-ein-blasentraining.html
  6. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Beckenbodentraining und Pessare bei Scheiden- oder Gebärmuttersenkung. gesundheitsinformation.de. gesundheitsinformation.de/beckenbodentraining-und-pessare-bei-scheiden-oder-gebaermuttersenkung.html
  7. Bundesministerium für Gesundheit. Blasenschwäche (Harninkontinenz) im Alter. gesund.bund.de. gesund.bund.de/inkontinenz-und-blasenschwaeche