Für Reisekrankheit, Schwangerschaft, Operation und Chemotherapie fällt die Bilanz sehr unterschiedlich aus.
Ingwer erfüllt zwei Rollen gleichzeitig. Das Rhizom, also der unterirdische Teil der Pflanze Zingiber officinale, ist ein Gewürz und zugleich eine Arzneipflanze. Das amerikanische NCCIH, eine Einrichtung der US-National Institutes of Health, schreibt, dass Ingwer derzeit gegen Übelkeit und Erbrechen, Arthrose, Menstruationskrämpfe und andere Beschwerden beworben wird. Ein Unterschied ist dabei wichtig: Die meisten Studien haben Nahrungsergänzungsmittel geprüft, nicht die Menge, die in ein Gericht kommt.
Das Wichtigste in Kürze
- In der EU ist Ingwerpulver zur Vorbeugung der Reisekrankheit als Arzneimittel anerkannt. Das NCCIH fand in den meisten Studien dazu keinen Nutzen.
- In der Schwangerschaft deuten Studien auf eine Linderung der Beschwerden hin. Geprüft wurden Kapseln und Sirup, für Tee und größere Mengen im Essen fehlen die Daten.
- Bei Chemotherapie und nach Operationen bleibt der Nutzen offen. Ob Ingwer die üblichen Behandlungen sinnvoll ergänzt, ist unklar.
- Wer ein Blutverdünnungsmittel nimmt, sollte Ingwer als Präparat mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen.
- Nebenwirkungen sind meistens mild. Häufig genannt werden Sodbrennen, Bauchbeschwerden, Durchfall und eine Reizung von Mund und Hals.
Ingwer als Lebensmittel und als Arzneipflanze
Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) unterscheidet bei Ingwer zwei Stufen. Die erste heißt gut belegte Anwendung. Sie bedeutet, dass der Nutzen durch mindestens zehn Jahre dokumentierte medizinische Anwendung in der EU und durch veröffentlichte klinische Studien abgesichert ist. Die zweite Stufe heißt traditionelle Anwendung. Hier ist die Wirksamkeit plausibel, gestützt auf die langjährige Anwendung, aber nicht durch Studien nachgewiesen. Für diese Stufe muss eine sichere Anwendung über mindestens 30 Jahre belegt sein, davon mindestens 15 Jahre innerhalb der EU.
Für Ingwer bedeutet das: Die Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit durch Ingwerpulver gehört zur ersten Stufe. Zur zweiten Stufe zählen fünf Anwendungen:
- die symptomatische Linderung der Reisekrankheit,
- die symptomatische Behandlung leichter, krampfartiger Magen-Darm-Beschwerden einschließlich Blähungen und Gasbildung,
- vorübergehender Appetitverlust,
- die Linderung leichter Gelenkschmerzen,
- die Linderung der Beschwerden einer gewöhnlichen Erkältung.
Übelkeit in der Schwangerschaft, nach Operationen und bei Chemotherapie steht nicht auf dieser Liste. Bei einer traditionellen Anwendung ist der Nutzen möglich, ein Nachweis fehlt.
Für wen die Agentur die Anwendung nicht empfiehlt, steht ebenfalls fest. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sollen Ingwer-Arzneimittel wegen fehlender Daten nicht anwenden. Einzige Ausnahme ist die Linderung der Reisekrankheit, dort liegt die Grenze bei 6 Jahren. Bei einer Allergie gegen Ingwer fällt die Anwendung ebenfalls aus.
Ingwer bei der Reisekrankheit
Die Reisekrankheit bleibt der einzige Fall, in dem Ingwer in der Europäischen Union als gut belegtes Arzneimittel gegen Übelkeit und Erbrechen gilt. Die Arzneimittelagentur hat dafür klinische Studien ausgewertet, in denen Ingwerpulver mit einer Scheinbehandlung und mit anderen Arzneimitteln verglichen wurde. Das Ergebnis: Ingwer wirkte besser als die Scheinbehandlung und genauso gut wie andere Arzneimittel.
Das NCCIH urteilt zurückhaltender. Es schreibt, die meisten Studien zu Ingwer bei Reisekrankheit hätten keinen Nutzen gezeigt.
Wie Ingwer dabei wirkt, ist laut Agentur nicht vollständig bekannt. Nach einzelnen Studien könnte Ingwer die Bewegung von Magen und Darm beeinflussen.
Übelkeit in der Schwangerschaft
Übelkeit trifft viele Schwangere früh. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen schreibt, mindestens die Hälfte aller Frauen hat in den ersten Monaten der Schwangerschaft damit zu tun. Gewöhnlich beginnt sie zwischen der 6. und 8. Schwangerschaftswoche und klingt um die 16. Woche ab. Etwa 1 von 100 Frauen erlebt eine besonders starke Form mit häufigem und heftigem Erbrechen. Diese Form kann zu Gewichts- und Flüssigkeitsverlusten führen, die auch das Kind gefährden. Deshalb ist meist eine Behandlung im Krankenhaus nötig.
Zum Ingwer sagt das Institut: Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Ingwerprodukte die Beschwerden bei Schwangeren lindern können. Geprüft wurden Ingwerkapseln und Ingwersirup. Ob Ingwertee oder größere Mengen Ingwer in der Nahrung eine Wirkung haben, ist unklar.
Die Cochrane-Stiftung hat 41 randomisierte Studien mit 5449 Frauen bis zur 20. Schwangerschaftswoche ausgewertet. Ihr Urteil fällt vorsichtig aus: Der Einsatz von Ingwerprodukten kann Schwangeren helfen, die Belege für die Wirksamkeit sind jedoch begrenzt und nicht einheitlich. Zu den Auswirkungen auf Mutter und Kind enthalten die Studien nur wenig Information.
Zur Sicherheit schreibt das Institut: Ingwer kann Sodbrennen verursachen, meistens ist er gut verträglich. Bei Medikamenten gegen Übelkeit in der Schwangerschaft gibt es nach den dort ausgewerteten Studien keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten oder Fehlbildungen, solange die Mittel nur für eine begrenzte Zeit und in der empfohlenen Dosis eingenommen werden. In Deutschland ist laut dem Institut nur die Kombination aus Doxylamin und Vitamin B6 ausdrücklich zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft zugelassen.
Die Arzneimittelagentur ist strenger. Ingwerwurzelstock-Präparate sollen in der Schwangerschaft und beim Stillen nicht verwendet werden. Das NCCIH schreibt, die Einnahme von Ingwer als Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft könne sicher sein, rät Schwangeren aber, mit der behandelnden Person zu sprechen. Über das Stillen ist wenig bekannt.
Übelkeit nach Operationen und bei einer Chemotherapie
Übelkeit und Erbrechen zählen zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen nach einer Operation und nach der Narkose. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit nennt bis zu 80 Prozent der Patientinnen und Patienten. Medikamente gegen Übelkeit werden verabreicht und helfen nur teilweise.
Zu Ingwer schreibt das NCCIH: Es ist unklar, ob er bei Übelkeit und Erbrechen nach Operationen hilft. Eine Cochrane-Übersicht hat eine andere Methode geprüft: Nadel- oder Druckreize an einem Punkt des Handgelenks (PC6). Allein angewendet können sie Übelkeit und Erbrechen nach Operationen bei 135 bis 247 von 1000 Menschen verhindern. Diese Zahl gilt für den Handgelenkspunkt, nicht für Ingwer.
Bei der Chemotherapie hat eine systematische Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Nutrients 23 randomisierte Studien ausgewertet. Für die akute Übelkeit, die verzögerte Übelkeit, das akute Erbrechen und das verzögerte Erbrechen fand sie keinen deutlichen Unterschied zwischen Ingwer und der Kontrollgruppe. Ein Sonderfall fiel auf: Bei einer Menge von höchstens 1 Gramm pro Tag über mehr als vier Tage trat akutes Erbrechen deutlich seltener auf. Die Sicherheit dieser Schätzung stufen die Autoren als sehr gering ein. Eindeutig sind die Ergebnisse nicht, weil sich die Studien klinisch stark unterschieden.
Die Mengen in den Studien reichten von 160 Milligramm bis 15 Gramm am Tag, und die Zubereitung reichte von Tee über Pulver in Kapseln bis zu Pulver mit anderen Speisen und Kapseln mit Extrakt. Welche Menge und Form am besten geeignet ist, halten die Autoren deshalb für sehr unsicher. Unerwünschte Wirkungen traten in den Studien ähnlich oft auf wie in der Kontrollgruppe.
Auch das NCCIH hält es für unklar, ob Ingwer die üblichen Behandlungen bei einer Chemotherapie sinnvoll ergänzt. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen nennt Ondansetron als Wirkstoff, der üblicherweise eingesetzt wird, um Übelkeit und Erbrechen bei einer Krebstherapie zu lindern.
Verträglichkeit und Blutverdünner
In vielen Studien wurde Ingwer als Nahrungsergänzungsmittel sicher eingenommen, schreibt das NCCIH. Die Arzneimittelagentur nennt für Ingwerwurzelstock allergische Hautreaktionen und Übelkeit, wobei die Häufigkeit unbekannt ist, sowie Magenbeschwerden, die bei bis zu 1 von 100 Menschen auftreten. Das NCCIH nennt Bauchbeschwerden, Sodbrennen, Durchfall sowie eine Reizung von Mund und Hals.
Zeitgrenzen gibt die Agentur ebenfalls vor. Halten Beschwerden länger als eine Woche bei der Linderung einer Erkältung an, sollte eine Ärztin, ein Arzt oder eine Apotheke gefragt werden. Bei leichten krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden und bei vorübergehendem Appetitverlust liegt die Grenze bei zwei Wochen, bei leichten Gelenkschmerzen bei vier Wochen.
Zu Blutverdünnern ist die Lage unklar. Die Arzneimittelagentur schreibt, bei ihrer Bewertung seien in der Literatur keine Wechselwirkungen von Ingwerwurzelstock mit anderen Arzneimitteln beschrieben. Eine systematische Literaturübersicht zu den Blutplättchen kommt zu einem weniger klaren Ergebnis. Von acht klinischen Studien fand die Hälfte eine schwächere Verklumpung der Blutplättchen, die andere Hälfte keinen Effekt, und zwei Beobachtungsstudien lieferten ebenfalls gemischte Ergebnisse. In einer Studie mit gesunden Männern veränderten 3,6 Gramm Ingwer zusammen mit dem Blutverdünner Warfarin den Gerinnungswert nicht. Die Autoren schreiben, die vorliegenden Daten stützten eine Wechselwirkung nicht. Die Rolle von Ingwer für die Blutplättchen halten sie für unklar und fordern weitere Studien.
Wer Medikamente einnimmt, sollte vor der Einnahme von Ingwer mit einer Ärztin oder einem Arzt sprechen. Das rät das NCCIH bei jedem Medikament, weil manche Pflanzen und Arzneimittel schädlich zusammenwirken.
Was Ingwer nicht kann
Drei Punkte bleiben offen. Erstens führt die Arzneimittelagentur für Schwangerschaft, Zeit nach Operationen und Chemotherapie keine Anwendung von Ingwer in ihrer Liste. Zweitens hält das NCCIH es bei Operationen und Chemotherapie für unklar, ob Ingwer den üblichen Mitteln wirklich hilft. Drittens waren laut NCCIH längst nicht alle der vielen Studien zu Ingwer von hoher Qualität. Zu Gelenkbeschwerden schreibt das NCCIH, ein großer Teil der Studien sei von geringer Qualität.
Bei der starken Form der Schwangerschaftsübelkeit ist laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen meist eine Behandlung im Krankenhaus nötig. Für Tee und größere Mengen Ingwer im Essen bleibt die Wirkung unklar. Auch der genaue Wirkweg bei Reisekrankheit ist nach Angaben der Arzneimittelagentur nicht vollständig bekannt.
Häufig gestellte Fragen
Wie viel Ingwer darf ich essen?
Für die Einnahme als Arzneimittel gelten die Angaben der Beipackzettel des jeweiligen Präparats. Für Ingwer im Essen nennen die Quellen keine Höchstmenge. Ingwer kann Sodbrennen verursachen. Wer Beschwerden mit Ingwer behandeln möchte, sollte die Zeitgrenzen der Arzneimittelagentur beachten.
Hilft Ingwer bei Erbrechen genauso wie bei Übelkeit?
Die Arzneimittelagentur nennt für Reisekrankheit Übelkeit und Erbrechen gemeinsam, und die Anerkennung für Ingwerpulver bezieht sich auch auf das Erbrechen. Bei der Chemotherapie fanden die ausgewerteten Studien für beides keinen deutlichen Unterschied, mit einer Ausnahme beim akuten Erbrechen. In der Schwangerschaft formulieren die Cochrane-Autoren ihr Urteil ebenfalls für Übelkeit und Erbrechen zusammen.
Kann ich Ingwer mit Blutverdünnern nehmen?
Die Arzneimittelagentur hat bei ihrer Bewertung keine Wechselwirkungen in der Literatur gefunden. Die systematische Literaturübersicht zu den Blutplättchen liefert gemischte Befunde und hält die Rolle von Ingwer für unklar. Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, bevor Sie Ingwer als Präparat einnehmen.
Hilft Ingwertee genauso gut wie Kapseln?
Die Studien, auf die sich das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen stützt, prüften Kapseln und Sirup. Für Ingwertee und größere Mengen Ingwer im Essen ist die Wirkung unklar. Das NCCIH schreibt, die meisten Studien hätten Nahrungsergänzungsmittel statt Lebensmittel geprüft.
Darf ich Ingwer über längere Zeit einnehmen?
Die Arzneimittelagentur nennt drei Grenzen, an denen eine Ärztin, ein Arzt oder eine Apotheke gefragt werden sollte: eine Woche bei Erkältungsbeschwerden, zwei Wochen bei leichten Magen-Darm-Beschwerden und bei Appetitverlust, vier Wochen bei leichten Gelenkschmerzen.
Was unterscheidet Ingwer als Gewürz von Ingwer als Präparat?
Die Arzneimittelagentur prüft Arzneimittel, die aus dem Pulver oder der Tinktur des getrockneten Wurzelstocks bestehen. Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel, Kosmetik und Medizinprodukte unterliegen anderen Regeln. Für die Küche gelten daher andere Maßstäbe als für ein Präparat.
Quellen
- European Medicines Agency. Zingiberis rhizoma – herbal medicinal product. Ginger rhizoma: Assessment Report Summary for the Public (ARSP), Referenznummer EMA/HMPC/387775/2025. https://www.ema.europa.eu/en/medicines/herbal/zingiberis-rhizoma
- National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH). Ginger: Usefulness and Safety. Last Updated: February 2025. https://www.nccih.nih.gov/health/ginger
- Matthews A, Haas DM, O’Mathúna DP, Dowswell T. Interventions for nausea and vomiting in early pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 9. Art. No.: CD007575. DOI: 10.1002/14651858.CD007575.pub4. https://www.cochrane.org/evidence/CD007575_interventions-nausea-and-vomiting-early-pregnancy
- Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Was hilft gegen Übelkeit in der Schwangerschaft? gesundheitsinformation.de. Aktualisiert am 21. September 2022. https://www.gesundheitsinformation.de/was-hilft-gegen-uebelkeit-in-der-schwangerschaft.html
- Choi J, Lee J, Kim K, Choi H-K, Lee S-A, Lee H-J. Effects of Ginger Intake on Chemotherapy-Induced Nausea and Vomiting: A Systematic Review of Randomized Clinical Trials. Nutrients. 2022 Nov 23;14(23):4982. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9739555/
- Lee A, Zhang JZ, Xie J, Cheng V, Wong MKH, Yau DKW. Stimulation of the wrist acupuncture point PC6 for preventing postoperative nausea and vomiting: a network meta-analysis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2025, Issue 9. Art. No.: CD003281. DOI: 10.1002/14651858.CD003281.pub5. https://www.cochrane.org/evidence/CD003281_what-are-benefits-and-risks-different-wrist-pc6-acupoint-stimulation-techniques-preventing-nausea
- Marx W, McKavanagh D, McCarthy AL, Bird R, Ried K, Chan A, et al. The Effect of Ginger (Zingiber officinale) on Platelet Aggregation: A Systematic Literature Review. PLoS ONE 10(10): e0141119. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371%2Fjournal.pone.0141119



