Die europäische Arzneimittelagentur EMA führt Kamilleblüten in einer eigenen Monografie und nennt dort fünf mögliche Anwendungsgebiete. Diese Angaben beruhen auf langjähriger Erfahrung mit der Pflanze, nicht auf aussagekräftigen klinischen Studien.
Der Tee steht dabei im Mittelpunkt. Eine Übersichtsarbeit zu Kamille nennt für den weltweiten Konsum von Kamilleitee über eine Million Tassen pro Tag.
Das Wichtigste in Kürze
- Die EMA nennt für Kamilleblüten fünf Anwendungsgebiete. Sie gelten als traditionell begründet, also durch lange Erfahrung statt durch große Studien.
- Für leichte Magen-Darm-Beschwerden, kleine Hautentzündungen und Erkältungssymptome nennt die EMA Kamille. Auch dort fehlen aussagekräftige Studien.
- Für Schlafstörungen, Angst, Durchfall bei Kindern und Koliken bei Säuglingen ist Kamille allein nicht belegt.
- Wer auf Korbblütler reagiert, darf Kamilleblüten nicht verwenden. Nach Kontakt flüssiger Kamillepräparate mit Schleimhäuten sind schwere allergische Reaktionen beschrieben.
- Nehmen Sie Kamille zusammen mit Medikamenten, klären Sie das vorher ärztlich ab. Bleiben Beschwerden länger als eine Woche bestehen, rät die EMA zum Arztbesuch.
Echte Kamille und ihre Zubereitungen
Die EMA führt Kamilleblüten als den gebräuchlichen Namen für die Blütenköpfe der Echten Kamille, lateinisch Matricaria recutita. Diese Pflanze gehört zur Familie der Korbblütler. Neben ihr gibt es die Römische Kamille, lateinisch Chamaemelum nobile. Beide Arten heißen in der Umgangssprache schlicht Kamille.
Die EMA unterscheidet zwei Stufen. Eine Arznei gilt ihr als belegt, wenn klinische Studien die Wirkung zeigen. Als traditionell eingestuft wird sie, wenn die Anwendung lange erprobt ist und die Wirksamkeit als möglich erscheint. Für Kamilleblüten hat das Gremium ausschließlich die traditionelle Stufe vergeben. Das bedeutet: Die Wirkung gilt als plausibel, ausreichende Belege aus klinischen Studien fehlen.
Die EMA beschreibt zu den fünf Anwendungsgebieten mehrere Darreichungsformen:
- Tee zum Trinken oder zum Einatmen des Dampfes
- Aufgüsse zum Auflegen auf die Haut und auf die Schleimhaut im Mund
- flüssige Zubereitungen zum Einnehmen, als Mundspülung oder zum Auftragen auf die Haut
- halbfeste Zubereitungen wie Salben für die Haut
- Bäder mit Kamilleblüten als Badezusatz
Eine Übersichtsarbeit zu Kamille nennt in der Blüte rund 120 verschiedene Pflanzenstoffe, darunter 28 Terpene und 36 Flavonoide. Als wichtig gelten dort das ätherische Öl mit Bisabolol und Chamazulen, die Flavonoide mit Apigenin sowie die Schleimstoffe, die Wasser binden.
Magen und Darm
Als erstes Anwendungsgebiet nennt die EMA die Behandlung von Symptomen leichter Magen-Darm-Beschwerden, etwa Blähungen und leichte Krämpfe. Ein Kamilleprodukt ist dafür gedacht, die Beschwerden zu lindern. Eine Erkrankung heilt es damit nicht.
Dass Kamille bei Verdauungsbeschwerden angeboten wird, bestätigt das Nationale Zentrum für komplementäre und integrative Gesundheit in den USA, kurz NCCIH. Es führt Verdauungsbeschwerden unter den Anwendungen auf, für die Kamille vermarktet wird. Für einzelne Beschwerden reichen die Studien laut NCCIH aber nicht aus, um den Nutzen zu bewerten.
Solche Empfehlungen tragen in der Fachsprache das Etikett traditionell. Gemeint ist: Die Wirkung erscheint plausibel, weil Kamilleblüten seit mindestens 30 Jahren auf diese Weise verwendet werden, davon mindestens 15 Jahre innerhalb der EU. Klinische Studien, die das ausreichend prüfen, fehlen dazu.
Der EMA-Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel hat sich mehrere Studien zu Kamilleblüten angesehen. Mögliche Effekte zeichneten sich ab, die Daten reichten jedoch nicht als Nachweis. Ein Grund lag darin, dass die Kamille in diesen Studien mit keinem anderen Mittel verglichen wurde.
Dauern die Beschwerden länger als eine Woche, sollten Sie ärztlich Rat holen. Verschlimmern sie sich während der Anwendung, gilt derselbe Rat. Beides steht so in der EMA-Monografie.
Haut und Schleimhaut
Für die äußere Anwendung nennt die EMA drei Gebiete: kleine Geschwüre und Entzündungen im Mund und im Hals, leichte Hautentzündungen wie ein Sonnenbrand sowie oberflächliche Wunden und kleine Furunkel. Bei Reizungen der Haut und der Region um After und Genitalien sieht die EMA Kamilleblüten nur als Ergänzung vor, und zwar nachdem eine ärztliche Untersuchung schwere Ursachen ausgeschlossen hat.
Eine Übersichtsarbeit zu Kamille beschreibt topische Anwendungen bei Neurodermitis als mäßig wirksam. Sie schreibt, Kamille sei etwa zu 60 Prozent so wirksam wie eine Hydrocortisonsalbe mit 0,25 Prozent Wirkstoff.
Mundspülungen mit Kamille könnten nach kleinen Studien Schwellungen oder Reizungen im Mund lindern, wie sie nach einer Strahlen- oder Chemotherapie oder nach einer Stammzellentransplantation auftreten. Das Nationale Zentrum für komplementäre und integrative Gesundheit in den USA, kurz NCCIH, formuliert das vorsichtig als Möglichkeit und nennt die Studien klein.
Kommt Kamille in die Nähe der Augen, kann sie reizen. Das vermerkt das NCCIH.
Dampfbad bei Erkältung
Die EMA nennt als zweites Anwendungsgebiet die Linderung von Erkältungssymptomen. Zum Trinken und zum Einatmen des Dampfes führt sie Kamilleblütentee ausdrücklich als Darreichungsform auf.
Eine Übersichtsarbeit zu Kamille berichtet, das Einatmen von Dampf mit Kamilleextrakt habe Erkältungssymptomen geholfen. Dieselbe Arbeit hält fest, dass weitere Forschung nötig ist, um diesen Befund zu bestätigen. Die EMA stützt die Anwendung bei Erkältung auf lange Erfahrung.
Für Bäder mit Kamilleblüten gelten enge Einschränkungen. Volle Bäder sind bei offenen Wunden, großen Hautverletzungen, akuten Hauterkrankungen, hohem Fieber, schweren Infektionen, schweren Störungen des Kreislaufs und einer Herzschwäche ausgeschlossen. Für Teilbäder und Sitzbäder nennt die EMA dieselben Einschränkungen ohne Kreislaufprobleme und Herzschwäche.
Bei Kindern unter 12 Jahren ist das Einatmen des Dampfes für mehrere Zubereitungen nicht belegt.
Allergie gegen Korbblütler
Die EMA führt als Gegenanzeige eine Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff und gegen andere Pflanzen aus der Familie der Korbblütler, lateinisch Asteraceae. Wer darauf reagiert, darf Kamilleblütenpräparate nicht verwenden.
Das NCCIH nennt als verwandte Pflanzen Ragwurz, Chrysanthemen, Ringelblumen und Gänseblümchen. Bei einer Allergie gegen eine dieser Pflanzen ist das Risiko für eine Reaktion auf Kamille höher.
Die EMA listet als mögliche Folgen eines Kontakts flüssiger Kamillepräparate mit Schleimhäuten wie der im Mund Atemnot, eine Schwellung von Gesicht und Hals, einen Kreislaufzusammenbruch und den anaphylaktischen Schock. Wie selten das vorkommt, ist nicht bekannt.
Das NCCIH hält Kamille in den Mengen, die in Tees und Lebensmitteln üblich sind, für wahrscheinlich sicher. Als Arzneimittel gilt sie bei Erwachsenen und Kindern kurzfristig als möglicherweise sicher. Nebenwirkungen sind selten, möglich sind Übelkeit, Schwindel und allergische Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock.
Wechselwirkungen mit Medikamenten
Das NCCIH berichtet von Wechselwirkungen zwischen Kamille und Medikamenten, die über die Leber abgebaut werden, sowie mit Warfarin, einem Blutverdünner. Theoretische Bedenken bestehen demnach auch bei Beruhigungsmitteln.
Kamille könnte außerdem ähnlich wirken wie das Hormon Östrogen. Erste Studien deuten an, dass sie die Wirkung der Antibabypillen verringern könnte. Erkrankungen, die auf Östrogen reagieren, könnten sich verschlimmern. Das NCCIH nennt als Beispiele Brust- und Gebärmutterkrebs.
Die EMA nennt Wechselwirkungen bei Patientinnen und Patienten nach einer Nierentransplantation, die über längere Zeit, etwa zwei Monate, hohe Dosen einnahmen. Die Wechselwirkungen liefen dort über ein Enzymsystem, das als CYP450 bezeichnet wird.
Wer Medikamente einnimmt, sollte laut NCCIH vor der Anwendung von Kamille mit einer Ärztin oder einem Arzt sprechen.
Was nicht belegt ist
Das NCCIH kommt insgesamt zu einem nüchternen Ergebnis. Die Studien zur Wirkung von Kamille bei den verschiedenen Erkrankungen haben nicht genug verlässliche Daten geliefert, um Kamille für den Alltag zu bewerten.
Viele Studien prüfen Kombinationen aus Kamille und anderen Pflanzen, etwa Fenchel und Melisse. Bei solchen Präparaten lässt sich der Anteil der Kamille am Ergebnis schwer abtrennen. Bei Durchfall von Kindern und bei Koliken von Säuglingen nennt das NCCIH genau diese Kombinationen. Für Kamille allein sieht es dort keinen nachgewiesenen Nutzen.
Die Cochrane Collaboration hat 18 randomisierte Studien mit 1014 Säuglingen zu schmerzstillenden Mitteln bei Koliken ausgewertet. Pflanzenpräparate, unter anderem mit Kamilleblüten, könnten die Schreizeit verkürzen. Die Qualität dieser Studien war allerdings sehr schlecht. Die Autoren schreiben, dass Pflanzenpräparate für Säuglinge mit Koliken nicht empfohlen werden können.
Schlaf
Zum Schlaf gibt es wenig Daten. Das NCCIH schreibt, es gebe sehr wenige Informationen zu Kamille und Schlaf. Eine dort ausgewertete Übersichtsarbeit fand eine einzige Studie zu Schlafstörungen, die keinen Nutzen zeigte.
Eine systematische Übersichtsarbeit zu Schlafpflanzen beschreibt dagegen eine kleine Studie mit 34 Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren, die über 28 Tage einen Kamilleextrakt bekamen. Die Autoren berichteten von bescheidenen Effekten auf die Tagesleistung, auf die Zeit bis zum Einschlafen und auf nächtliches Aufwachen. Ihr Fazit: Aus den wenigen Studien lässt sich kein fester Schluss ziehen.
Angst
Für Angstzustände nennt das NCCIH nur vorläufige Hinweise. Einige erste Studien deuten darauf hin, dass ein Kamillepräparat bei generalisierten Angststörungen, also Angstzuständen, die viele Lebensbereiche betreffen, und bei begleitender Depression helfen könnte.
Häufig gestellte Fragen
Hilft Kamille beim Ein- und Durchschlafen?
Belastbar belegt ist das nicht. Das NCCIH fand in einer Übersichtsarbeit genau eine Studie zu Schlafstörungen, und die zeigte keinen Nutzen. Eine andere systematische Übersichtsarbeit beschreibt bei einer kleinen Studie mit 34 Erwachsenen bescheidene Effekte auf die Tagesleistung, auf das Einschlafen und auf nächtliches Aufwachen. Deren Autoren halten fest, dass daraus kein fester Schluss möglich ist. Eine Empfehlung zum Schlaf lässt sich daraus nicht ableiten.
Kann ich Kamille zusammen mit meinen Medikamenten einnehmen?
Das NCCIH nennt Wechselwirkungen mit Medikamenten, die über die Leber abgebaut werden, und mit dem Blutverdünner Warfarin. Bei Beruhigungsmitteln bestehen zumindest theoretische Bedenken. Bei einer Verhütungspille könnte Kamille die Wirkung verringern. Besprechen Sie das vorher mit einer Ärztin oder einem Arzt.
Darf ich Kamille in Schwangerschaft und Stillzeit trinken?
Für Kamilleblütentee gilt die Sicherheit in Schwangerschaft und Stillzeit laut EMA als belegt. Für alle anderen Zubereitungen, von Extrakten bis Tinkturen, empfiehlt sie die Anwendung nicht. Das NCCIH schreibt, zur Sicherheit in Schwangerschaft und Stillzeit sei wenig bekannt. Wer Kamillenprodukte auf die Haut aufträgt, sollte die Brustwarzen vor dem Stillen säubern, damit das Baby keine Allergie dagegen entwickelt.
Wie lange darf ich Kamille anwenden?
Eine Höchstdauer nennt die EMA nicht. Sie gibt eine Frist für die Beschwerden. Bleiben diese länger als eine Woche bestehen, sollten Sie eine Ärztin oder einen Arzt fragen. Das NCCIH führt Kamille als kurzfristig möglicherweise sicher.
Was ist der Unterschied zwischen Echter und Römischer Kamille?
Für die Arzneiverwendung in der Europäischen Union hat die EMA die Echte Kamille, Matricaria recutita, in einer eigenen Monografie erfasst. Die Römische Kamille, Chamaemelum nobile, ist eine andere Art aus derselben Familie. Das NCCIH unterscheidet die beiden Arten ebenfalls und bezieht seine Angaben zur Kamille ausdrücklich auf die Echte Kamille.
Darf ich Kamille auf die Haut auftragen?
Für leichte Hautentzündungen wie einen Sonnenbrand, für oberflächliche Wunden und für kleine Furunkel nennt die EMA Kamilleblüten als traditionelles Arzneimittel. Bei Reizungen von Haut und Schleimhaut an After und Genitalien darf Kamille nur ergänzend zum Einsatz kommen, nachdem eine ärztliche Untersuchung schwere Ursachen ausgeschlossen hat. Kommt das Produkt in die Nähe der Augen, kann es laut NCCIH reizen.
Quellen
- European Medicines Agency: Matricariae flos, herbal medicinal product. Abruf mit Datum der Recherche.
- Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC): European Union herbal monograph on Matricaria recutita L., flos, Final, EMA/HMPC/55843/2011.
- Srivastava JK, Shankar E, Gupta S: Chamomile: A herbal medicine of the past with bright future. Mol Med Rep. 2010;3(6):895-901.
- National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH): Chamomile.
- Biagioli E, Tarasco V, Lingua C, Moja L, Savino F: Pain-relieving agents for infantile colic. Cochrane Database of Systematic Reviews 2016, Issue 9. Art. No.: CD009999.
- Feizi F, Namazi N, Rahimi R, Ayati MH: Medicinal Plants for Management of Insomnia: A Systematic Review of Animal and Human Studies. Galen Med J. 2019;8:e1085.



