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Pflanzenheilkunde

Baldrian beim Einschlafen und seine Grenzen

Baldrian wird seit Jahrhunderten gegen Unruhe und schlechten Schlaf eingesetzt.

Pflanzenheilkunde9 Min. Lesezeit

Ob er beim Einschlafen wirklich hilft, haben Forschende in vielen Studien untersucht. Das Ergebnis ist nüchtern: Ein klarer Vorteil gegenüber einem Scheinmittel ist nicht belegt. Ernsthafte Nebenwirkungen sind selten.

Etwa jeder dritte Mensch hat zeitweise mit Schlafproblemen zu tun, berichtet das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Die S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin beschreibt eine Schlafstörung als Ein- oder Durchschlafstörungen oder frühmorgendliches Erwachen über mindestens einen Monat, wenn die Leistungsfähigkeit oder das Wohlbefinden am Tag darunter leiden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Baldrian wirkt langsam. Die Arzneimittelagentur empfiehlt 2 bis 4 Wochen durchgehende Einnahme für einen optimalen Effekt. Für eine kurzfristige Behandlung eignet sich Baldrian nicht.
  • Eine Übersichtsarbeit fasste 60 Studien zusammen. Von 23 Studien, die Baldrian bei Schlafproblemen prüften, fanden 13 einen Effekt, 10 fanden keinen deutlichen Unterschied zur Vergleichsgruppe.
  • Die Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ empfiehlt, pflanzliche Schlafmittel nicht einzusetzen. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen schreibt, aussagekräftige Studien dazu fehlten.
  • Am besten belegt ist die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie. Die Leitlinie empfiehlt sie als erste Behandlung, auch als digitales Angebot.
  • Baldrian gilt als gut verträglich. Wer bereits ein Schlaf- oder Beruhigungsmittel nimmt, sollte die Einnahme vorher ärztlich klären.

Was Baldrian ist und wie er angeboten wird

Baldrian ist eine mehrjährige Pflanze. Für Arzneimittel wird ihre Wurzel verwendet, meist als Trockenextrakt oder als Tinktur. Die Europäische Arzneimittelagentur hat für Baldrianwurzel eine Monografie erstellt. Als Anwendungsgebiet nennt sie „die Linderung leichter nervöser Anspannung und von Schlafstörungen“.

Die verschiedenen Zubereitungen sind nicht gleichwertig. Die Agentur stuft Trockenextrakte, die mit Ethanol und Wasser gewonnen wurden, als anerkannt ein. Für andere Formen, darunter Tee aus geschnittenen Pflanzenteilen und wässrige Auszüge, führt sie lediglich die traditionelle Anwendung. Woran die anerkannte Wirkung liegt, bleibt offen. Die Agentur schreibt, die Wirkung lasse sich keinem der bekannten Inhaltsstoffe mit Sicherheit zuschreiben.

  • Im Handel: Baldrian gibt es als Dragee, Tablette oder Tropfen, meist ohne Rezept. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen nennt zusätzlich ein Glas Baldriantee als Hausmittel vor dem Schlafen.
  • Als Badezusatz: Die Arzneimittelagentur führt ein Vollbad mit Baldrianwurzel als eigene Anwendungsform.
  • Freiverkäuflich: Die Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ führt Baldrianwurzel, Melissenblätter und Hopfenzapfen in ihrer Tabelle der pflanzlichen Mittel als frei verkäuflich auf.

Was die Studien zum Schlaf zeigen

Eine Übersichtsarbeit von Noriko Shinjyo, Guy Waddell und Julia Green hat 60 Studien mit 6.894 Teilnehmenden zusammengefasst. Zehn dieser Studien mit 1.065 Teilnehmenden werteten die subjektive Schlafqualität aus. Von den 23 Studien, die Baldrian bei Schlafproblemen untersuchten, fanden 13 einen Effekt. Zehn fanden keinen deutlichen Unterschied zur Vergleichsgruppe. Schwere unerwünschte Wirkungen traten bei Menschen zwischen 7 und 80 Jahren nicht auf.

Die S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ hat mehrere dieser Übersichtsarbeiten in einer Tabelle ausgewertet. Ihre Zusammenfassung lautet, die Arbeiten zeigten eine „allenfalls geringe Überlegenheit von Baldrian gegenüber Placebo“, also gegenüber einem Scheinmittel. Die Leitlinie stuft die Qualität der Originalarbeiten insgesamt als niedrig ein.

Drei Einträge der Tabelle betreffen Baldrian:

  • Bent und Kollegen werteten 16 Studien mit 1.093 Teilnehmenden aus. Sie berichteten eine mäßige Besserung der Schlafqualität, keine Besserung der anderen Schlafparameter und eine als schlecht eingestufte Studienqualität.
  • Fernández-San-Martín und Kollegen werteten 18 Studien mit 1.317 Teilnehmenden aus. Sie fanden keine Effekte auf die gemessenen Schlafwerte und nur eine mäßige Besserung der Schlafqualität.
  • Leach und Page fassten 14 Studien mit 1.602 Teilnehmenden zusammen. Sie fanden keine Effekte.

Die Übersichtsarbeit von Shinjyo, Waddell und Green kommt zu einem positiven Fazit. Die Leitlinie und das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen sehen das anders. Das Institut formuliert es deutlich: „Es gibt keine Belege dafür, dass pflanzliche Mittel die Beschwerden einer Schlafstörung lindern: Aussagekräftige Studien dazu fehlen.“

Die Leitlinie empfiehlt, die Insomnie nicht mit Phytopharmaka zu behandeln. Der Fachbegriff steht für pflanzliche Arzneimittel. Die Empfehlung lautet wörtlich: „Eine Behandlung der Insomnie mit Phytopharmaka sollte nicht empfohlen werden.“

Wie lange es dauert, bis Sie etwas merken

Die Arzneimittelagentur beschreibt die Wirkung von Baldrian als langsam einsetzend. Deshalb eignet sich Baldrianwurzel ihrer Monografie zufolge nicht für die kurzfristige Behandlung einer Schlafstörung. Um einen optimalen Behandlungseffekt zu erreichen, empfiehlt die Monografie eine durchgehende Einnahme über 2 bis 4 Wochen.

Bleiben die Beschwerden nach 2 Wochen durchgehender Einnahme bestehen oder werden sie stärker, empfiehlt die Monografie, eine Ärztin, einen Arzt oder eine Apotheke zu fragen.

Für die feste Kombination aus Baldrianwurzel und Hopfenblüte nennt die Agentur 4 Wochen als empfohlene Dauer und rät auch dort nach 4 Wochen zum Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt.

Kombinationen mit Hopfen und Melisse

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen zählt Baldrian, Hopfen, Passionsblume und Melisse zu den pflanzlichen Mitteln, die als schlaffördernd gelten. Ein Präparat enthält einen oder mehrere dieser Wirkstoffe. Die Leitlinie führt Melissenblätter, Hopfenzapfen und Baldrianwurzel mit den Anwendungsgebieten Schlafstörungen und Unruhezustände auf.

Für die Kombination aus Baldrianwurzel und Hopfenblüte hat die Arzneimittelagentur eine eigene Monografie erstellt. Als Anwendungsgebiet nennt sie die Linderung von Schlafstörungen. Bei Kindern unter 12 Jahren empfiehlt sie die Kombination nicht. Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind in dieser Monografie nicht aufgeführt, und der Wirkmechanismus gilt ihr als unbekannt.

Ihre Empfehlung gegen pflanzliche Mittel bezieht die Leitlinie auf die ganze Gruppe.

Verträglichkeit

Bei frei verkäuflichen pflanzlichen Mitteln sind nach dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen gewöhnlich keine ernsthaften Nebenwirkungen zu erwarten. Es kann aber zu allergischen Reaktionen, Übelkeit oder Bauchkrämpfen kommen.

  • Magen und Darm: Die Arzneimittelagentur nennt Übelkeit und Bauchkrämpfe als mögliche Beschwerden nach der Einnahme. Wie oft sie auftreten, ist nicht bekannt.
  • Zusammen mit anderen Mitteln: Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen weist darauf hin, dass sich einige pflanzliche Mittel schlecht mit anderen Beruhigungsmitteln vertragen. Wer bereits eines einnimmt, sollte die Einnahme vorher ärztlich klären.
  • Fahren und Maschinen: Die Monografie warnt, dass Baldrian die Fähigkeit zum Fahren und zum Bedienen von Maschinen beeinträchtigen kann. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen schreibt allgemein für Schlaf- und Beruhigungsmittel, dass sie tagsüber müde machen können und bei älteren Menschen die Sturzgefahr erhöhen.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Die Sicherheit während Schwangerschaft und Stillzeit ist nicht belegt. Die Arzneimittelagentur empfiehlt, in dieser Zeit auf Baldrianwurzel zu verzichten.
  • Kinder: Für Kinder unter 12 Jahren wird die Einnahme nicht empfohlen, weil Daten zu Sicherheit und Wirkung fehlen.
  • Sehr hohe Mengen: Eine Menge von etwa 20 g Baldrianwurzel verursachte laut Agentur Müdigkeit, Bauchkrämpfe, ein Engegefühl in der Brust, Benommenheit und Zittern in den Händen. Die Pupillen weiteten sich. Diese Beschwerden verschwanden innerhalb von 24 Stunden.
  • Als Badezusatz: Die Agentur nennt offene Wunden, große Hautverletzungen, akute Hauterkrankungen, hohes Fieber, schwere Infektionen, schwere Durchblutungsstörungen und eine Herzschwäche als Gründe, auf ein Vollbad zu verzichten.

Was bei Schlafstörungen besser belegt ist

Die S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ empfiehlt, die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie als erste Behandlungsoption anzubieten. Diese psychotherapeutische Behandlung richtet sich auf den Schlaf selbst und wird im Rahmen von Einzel- oder Gruppentherapie oder als digitale Gesundheitsanwendung angeboten. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen formuliert es ebenso: Fachleute empfehlen bei einer Schlafstörung in erster Linie die kognitive Verhaltenstherapie.

Bei den Arzneimitteln unterscheidet die Leitlinie nach Gruppen. Melatonin ist demnach bei Menschen ab 55 Jahren wirksam, für eine langfristige Einnahme wird es nicht empfohlen. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen schreibt, melatoninhaltige Arzneimittel seien nur für ansonsten gesunde Menschen ab 55 Jahren zugelassen. Für Benzodiazepine, also starke Schlaf- und Beruhigungsmittel, und die sogenannten Z-Substanzen nennt die Leitlinie eine Wirksamkeit in der Kurzzeitbehandlung und empfiehlt, beide Gruppen nicht über vier Wochen hinaus einzunehmen. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen nennt für diese Gruppe zahlreiche Nebenwirkungen und eine schnell entstehende Abhängigkeit.

Die Grundlage für alle Wege sind die Schlafgewohnheiten. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen empfiehlt, 4 bis 6 Stunden vor dem Schlafengehen auf Alkohol, Kaffee und Tee zu verzichten, das Schlafzimmer ruhig und dunkel zu halten sowie regelmäßig um etwa die gleiche Zeit aufzustehen.

Baldriantee zählt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen zu den Hausmitteln für einen erholsameren Schlaf, neben einem Glas warmer Milch und einem warmen Fuß- oder Vollbad. Nachteilige Wirkungen sind demnach nicht zu erwarten. Allerdings ist unklar, ob sie helfen, den Schlaf zu verbessern.

Häufig gestellte Fragen

Wie schnell merke ich eine Wirkung?

Die Arzneimittelagentur nennt 2 bis 4 Wochen durchgehende Einnahme für einen optimalen Effekt. Bleiben die Beschwerden nach 2 Wochen bestehen oder werden sie stärker, sollte laut Monografie eine Ärztin, ein Arzt oder eine Apotheke gefragt werden. Für eine kurzfristige Behandlung eignet sich Baldrian laut Monografie nicht.

Darf ich Baldrian mit einem Schlafmittel nehmen?

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen weist darauf hin, dass sich einige pflanzliche Mittel schlecht mit anderen Beruhigungsmitteln vertragen. Wer bereits eines einnimmt, sollte vorher ärztlichen Rat holen. In der Monografie für Baldrianwurzel selbst sind Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln nicht aufgeführt.

Kann ich Baldrian in Schwangerschaft und Stillzeit nehmen?

Die Arzneimittelagentur empfiehlt, während Schwangerschaft und Stillzeit auf Baldrianwurzel zu verzichten. Die Sicherheit in dieser Zeit ist nicht belegt, und es fehlen ausreichende Daten.

Hilft Baldrian auch gegen das nächtliche Aufwachen?

Die Monografien nennen Schlafstörungen allgemein und unterscheiden nicht zwischen Ein- und Durchschlafen. Zwei der drei Übersichtsarbeiten in der Leitlinie fanden eine mäßige Besserung der empfundenen Schlafqualität, aber keine Besserung der gemessenen Schlafwerte. Die dritte fand gar keine Effekte.

Wie unterscheiden sich die verschiedenen Baldrian-Produkte?

Die Arzneimittelagentur stuft Trockenextrakte aus Ethanol und Wasser als anerkannt ein. Für andere Formen, darunter Tee und wässrige Auszüge, führt sie lediglich die traditionelle Anwendung. Die Studienergebnisse fielen uneinheitlich aus. Die Arbeitsgruppe um Shinjyo hält die unterschiedliche Qualität der Extrakte für einen möglichen Grund.

Quellen

  1. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (AWMF). S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“, AWMF-Registernummer 063-003, Version 2.0. register.awmf.org/assets/guidelines/063-003l_S3_Insomnie-bei-Erwachsenen_2025-04.pdf
  2. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (AWMF). Leitlinien-Detailseite zu „Insomnie bei Erwachsenen“, Registernummer 063-003. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/063-003
  3. European Medicines Agency (EMA). European Union herbal monograph on Valeriana officinalis L., radix, EMA/HMPC/150848/2015, Corr. 1. Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). ema.europa.eu/en/documents/herbal-monograph/final-european-union-herbal-monograph-valeriana-officinalis-l-radix_en.pdf
  4. European Medicines Agency (EMA). European Union herbal monograph on Valeriana officinalis L., radix and Humulus lupulus L., flos, EMA/HMPC/327107/2017, Revision 1. Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). ema.europa.eu/en/documents/herbal-monograph/final-european-union-herbal-monograph-valeriana-officinalis-l-radix-and-humulus-lupulus-l-flos-revision-1_en.pdf
  5. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Schlafstörung: Behandlung mit Schlaf- und Beruhigungsmitteln. gesundheitsinformation.de/schlafstoerung-behandlung-mit-schlaf-und-beruhigungsmitteln.html
  6. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Was tun bei Schlafproblemen? gesundheitsinformation.de/was-tun-bei-schlafproblemen.html
  7. Shinjyo N, Waddell G, Green J. Valerian Root in Treating Sleep Problems and Associated Disorders—A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Evidence-based Integrative Medicine 2020; 25. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7585905/